Hand in Hand verlassen wir unser Versteck.

Die paar Haarschöpfe hinter der Mauer bedeuten keine Gefahr. Niemand bemerkt zu uns. 

Als ob nichts gewesen wäre, schlendern wir zurück in verschwitzte Menschenströme. 

Aber es war etwas. Es sitzt so tief in mir drin, dass ich es niemals vergessen werde. 

»Hör mir zu, damit du deinem Onkel von dieser großartigen Stadt erzählen kannst.« Ciros Lippen kräuseln sich. Ich muss achtgeben, dass ich ihn nicht ständig anstarre. Er ist mit Abstand das Schönste, was es hier zu bewundern gibt. 

Er doziert mit seiner klaren Stimme über Sinn und Unsinn der Geschlechtertürme, nennt ein paar Familiennamen, die mir völlig schnurz sind. Ich will nur sein Lächeln. Wenn sich unsere Blicke begegnen, schenkt er es mir. 

Der italienische Akzent, die Art, wie selbst harte Silben darunter weich werden, fasziniert mich. Normalerweise geht es mir auf die Nerven, wenn jemand ununterbrochen mit mir redet. Doch in Ciros Worte tauche ich ein wie in ein warmes Bad. Gedanklich lehne ich mich behaglich zurück und sehe den Schaumblasen beim Platzen zu.

»Kultur.« Ciro schleppt mich vor eine Kirche. »Die Basilika Santa Maria Assunta.«

Ein Klotz mit breiter Treppe davor. Die aufragenden Türme daneben und dahinter sind spannender. 

»Komm, ich zeige dir die Fresken.«

Auf die Wand gepinselte Gemälde irgendwelcher Bibelszenen. Ist was aus dem Kunstunterricht hängen geblieben, wenn auch nicht sonderlich viel.

Mich interessieren weder Gotteshäuser noch Bilder ohne Rahmen. Es sei denn, sie lassen sich auf verwaiste Waggons oder Garagentore sprühen. 

Ciro zeigt sie mir dennoch. Hat er Angst, nicht genug für sein Geld als Reiseführer zu tun? In der Hütte hat er mehr geliefert, als ich erwartet habe. Mein sensibelstes Körperteil erinnert sich an einen feuchtwarmen, saugenden Mund und will Nachschlag. Ob wir uns unauffällig in einen der Beichtstühle verdrücken können? Sind sie innen so winzig, wie sie von außen wirken, wird es kuschelig eng.

Ciro führt mich an bunt bemalten Mauern entlang. 

Schnörkel und seliges Köpfesenken alter Männer tangieren mich nicht. 

Ich folge ihm bis zu einem Becken.

Er bespritzt sich mit Wasser, bekreuzigt sich und schaut zu dem bleichen Typen an der Wand. 

Jesus hat den Bogen nicht gekriegt. Seine Rechnung, auch die andere Wange hinzuhalten, ging nach hinten los. 

Ciro ist katholisch. Habe ich vollkommen verdrängt. 

Was hat er erzählt? Sein erstes Mal mit einem Mann war mit vierzehn? Gehe jede Wette ein, dass der Kerl sich auch regelmäßig mit abgestandenem Wasser bekleckert und ein Kreuz geschlagen hat. Jungs vögelte er dennoch.

Ein Mädchen mit Sonnenbrille im Haar beobachtet verträumt, wie sich Ciro in eine der Bänke kniet. Pech für sie. Mein süßer Italiener ignoriert sie. Mich leider auch. Er scheint völlig in sich gekehrt. Seine Miene wirkt um vieles heiliger als die Leidensgesichter an den Wänden. 

Ich wollte es, sagte er auf der Fahrt hierher. 

Seine Sehnsucht nach Berührung, nach Zärtlichkeit spüre ich selbst hier, mitten in der Kirche. Sie sickert aus ihm heraus, umgibt ihn wie ein außergewöhnlicher Duft.

Als Teenager von Zuhause weg. Kein nettes Wort von der Mutter, keinen lockeren Schulterschlag vom Vater. Bloß ein Typ wie Marco, der mit seinen Aggressionen um sich wirft.

Ist logisch, dass sich Ciro nach Liebe verzehrt. 

Statt sich von mir in einen Beichtstuhl ziehen und vögeln zu lassen, bittet er um Vergebung für Sünden. 

Klar, er trägt gern Kleider. Ist für einen Katholiken zweifelsfrei ein Problem. Allerdings ist Jesus’ Lendenschurz auch nur ein schlichter Minirock und die Priester rennen ebenfalls in knöchellangen Gewändern herum.

Ciro soll sich nicht entschuldigen. Weder bei Jesus noch bei sonst wem. Er ist, wie er ist, und hat mir einen geblasen wie ein junger Gott. 

Ich will ihn in den Arm nehmen und vor aller Welt und diesem blassen gekreuzigten Hänfling küssen. 

Ob er mir dafür den Kopf abreißt? 

Er bekreuzigt sich wieder, steht auf. 

»Können wir?« Ich muss raus an die Luft. Das mit Touristen vollgestopfte Dämmerlicht geht mir auf den Sack. »Hast du eben für die Aktion in der Hütte um Verzeihung gebeten?« Allein die Vorstellung kränkt mich.

Ein Bild neben mir. Die Farben leuchten, als wäre es frisch restauriert. Der Spacko blutet aus Händen und Füßen, liegt schlaff auf dem Schoß einer Frau, gehalten von einer anderen. Seine geschlossenen Lider, seine Miene …

So hat Ciro ausgesehen. Vorhin in meinem Arm. Vollkommen hingegeben, bis aufs Letzte erschöpft. 

Die Härchen auf meinen Unterarmen stellen sich auf. Muss an dem alten Gemäuer liegen.

»Ich habe gebetet.« Ciro tritt mit glücklichem Lächeln in die Mittagsglut. Er hält sein Gesicht in die Sonne, seufzt behaglich. »Nicht gebeichtet.« 

Mein Herz wird zu einem Luftballon. 

Mit der Aufschrift: Ciro und Noah forever schwebt er in den wolkenlosen Himmel.

Der Menschenstrom erfasst meinen Italiener vor mir. Ich drängele mich hinein, um ihn nicht zu verlieren. 

Ciros Lider senken sich. »Ich bete oft. Um Schutz, um Beistand, um ein leichtes Herz, wenn meines wie ein Stein in mir hin und her rollt.« Sein Augenaufschlag kommuniziert auf direktem Weg mit etwas Großem, Flatternden in meiner Brust. »Helden bedürfen keiner Gebete. Typen wie ich hingegen brauchen sie wie die Luft zum Atmen.« 

Vor einem Laden mit Keramikgeschirr bleibt er stehen. Nah genug, damit sich unsere Schultern berühren. »Betest du nie?« 

»Nein. Wozu?« Was weg ist, ist weg. Das holt keiner zurück. Ein Hirngespinst um Kleinigkeiten zu bitten, ist kläglich. Die bekommt man selbst hin oder lässt es bleiben. 

»Ich habe darum gebeten, dass wir uns noch oft begegnen.« Von seinem Hals steigt eine zarte Röte bis in die Wangen. »Auch später, wenn dein Urlaub vorbei ist.« 

»Das werden wir.« Ich habe keinen Gott nötig, um dafür zu sorgen. 

Ciro nickt. »Ich glaube dir jedes Wort. Woher nimmst du die Sicherheit?« 

Aus mir, meinem Zuhause, aus dem Bauch und den schönen Gefühlen, die darin tanzen. »Du bist mein Prinz.« So, jetzt ist es raus. »Mir war das klar, als ich mit deinem Schal auf mir aufgewacht bin.«

Er steht da. Sein Mund ein wenig offen, seine Augen groß vor Staunen. Plötzlich dreht er sich weg.

»Ciro?« 

Er hebt die Hand, schüttelt den Kopf. Okay, er will allein sein. Seltsam, dass das auch in einer Stadt wie dieser funktioniert. Ich berühre ihn am Arm. »Bin im Laden, wenn du so weit bist.« Mir wird selbst die Kehle eng. Was mich erschreckt, ist die Wahrheit. 

Ich liebe. 

Zum ersten Mal so richtig und echt. 

Während mein Herz langsam aber unglaublich hart schlägt, tue ich so, als interessierten mich Aschenbecher mit Blumenmuster. Mein Denken und Fühlen ist bei Ciro, der draußen steht und sich nach wie vor abwendet. Als seine Schultern zucken, kämpfe ich ebenfalls mit den Tränen.

Ich weiß so wenig von ihm. Noch nicht einmal genau, warum er jetzt weint. 

Von den Aschenbechern schwenke ich auf überdimensionierte Tassen. Sie sind näher am Ausgang. 

Mein Prinz hat sich auf die Hacken gehockt, lässt den Kopf hängen und spielt mit dem Verschluss des Rucksacks. 

Von dem Anblick seiner Finger bekomme ich nicht genug. 

Die gebräunte Haut zu den hellen Nägeln, die Adern auf dem Handrücken, das Lederbändchen ums Gelenk. 

Ich möchte seine Hände halten. Mit dem Daumen dabei streicheln. Möchte sie auf mein Gesicht legen, ihre Flächen küssen, sie anschließend zwischen meine Beine führen. Der Gedanke zeigt Wirkung. Noch eine Runde an Keramikherzchen und Teekannen entlang, die mich kaum abkühlt, bis ich aufgebe und den Laden verlasse. 

Ciro hat sich eine Zigarette angezündet. Er schaut zu mir hoch, hält sie mir hin. Seine Augen sind rot und das Lächeln fällt winzig aus. Ich hocke mich neben ihn, schmecke ihn am Filter. Ich bin verloren. Warum macht mich die Liebe glücklich und ihn traurig?

»Es ist so«, versuche ich einen zweiten Anlauf. »Dass wir uns getroffen haben, ist Schicksal.« Richtig, ich glaube nicht daran. Doch Super Mario irrt sich nicht und er hat mir prophezeit, dass ich meinen Prinzen finde – auf eine gewisse Weise. 

»Dann liebe ich mein Schicksal ab heute.« Ciro spricht verdächtig leise. 

Ich lege den Arm um ihn. Er lehnt seinen Kopf an meine Schulter und sofort fühle ich mich vollständig. 

Die Leute schlendern an uns vorbei. Keiner beachtet die zwei verliebten Kerle am Straßenrand, die vor Schmetterlingen im Bauch nicht wissen, wohin mit sich. 

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