Liam

Ehe ich mich für ein paar Stunden auf dem Bett ausstrecke, brauche ich einen Kaffee. Nirgends schmeckt er so köstlich wie hier – nachdem ich dem Barkeeper erklärt habe, auf welchem Schwarzmarkt er die besten Bohnen bekommt und Joseph überredet habe, in einen anständigen Automaten zu investieren. Das ständige Teegeschlürfe schlägt mir auf den Magen.

Kun steht hinter dem Tresen. Noch bevor ich auf meinem Stammplatz sitze, hat er bereits die Kaffeemaschine angeschmissen und mir den Tagesglückskeks zugeworfen. Ich beiße ihn auf und ziehe den Zettel heraus.

17. Juni 2037.

Erst am Abend entfaltet der Tag seine Fülle. Harre geduldig.

Es gibt dämlichere Sprüche.

»Alles klar?«, frage ich Kun und meine seinen schlecht heilenden Kreuzbandriss.

»Bestens«, antwortet er mir, was bedeutet, dass er ohne Schmerzmittel nicht laufen kann.

»Wann hast du Feierabend?«, erinnere ich ihn an meine Verordnung, das Bein zu schonen.

»Um fünf.«

Morgens. Das sind noch neun Stunden. Wir wissen beide, dass sich sein Knie bis dahin wie ein roher Klumpen anfühlen wird. Ich muss mit Joseph sprechen. Wenn sich seine Leute über meine Anweisungen hinwegsetzen, brauche ich sie auch nicht behandeln und er kann sich mein überzogenes Honorar sparen.

»Bitte sehr, Dr. Liam.« Mit strahlendem Lächeln stellt er mir einen Kaffee vor die Nase. Seit dem ersten Tag verwechselt er meinen Vor- und Zunamen.

»Meiner Schwester geht’s gut. Der Ausschlag ist weg. Vielen Dank.«

Fein. Das Läusemittel hat demnach gewirkt. »Bedanke dich bei Mr. Wakane. Er hat mich bezahlt.« Das Pulver hat mich nur drei Dollar gekostet. Auf der Rechnung stehen allerdings hundertfünfzig. Eingehende Beratung, symptombezogene Untersuchung, mein Überleben als Europäer im Slumviertel Tai Kok Tsui. Das muss Joseph was wert sein.

 Kun bringt mir meinen Zeichenblock und die Kohlestifte, die er für mich unterm Tresen deponiert.

Eine Marotte. Nicht mehr. Sie hilft mir abzuschalten. Hin und wieder riskiere ich deswegen eine Schlägerei. Nämlich dann, wenn einer der Gäste fürchtet, ich könnte sein Konterfei dazu verwenden, ihn bei seiner Familie oder seinem Chef anzuschwärzen. Das Monk genießt in den Geschäfts- und Bankenvierteln Hongkong Islands einen ganz eigenen Ruf, mit dem die wenigsten Besucher in Verbindung gebracht werden wollen.

Mir egal. Ich begnüge mich ohnehin meist mit meinem Lieblingsmotiv: Joseph Wakane.

»Ist der Boss da?«, frage ich deshalb den Barkeeper. Mein Tag war lang und noch ist kein Ende in Sicht. Ich will etwas Schönes, um mich bei Laune zu halten.

»Kommt gleich.« Kun haucht in eines der Gläser, bevor er es poliert.

Ich hasse das und bin froh, dass er die Kaffeetassen damit verschont.

»Da!« Er nickt zum Eingang.

Oh ja, bitte.

Genau das, was ich jetzt brauche.

Joseph ist ein Phänomen. Seine Schritte strotzen vor Dynamik, sein Blick vor Entschlossenheit. Selbst wenn er sich träge in einen Sessel fallen lässt, knistert die Luft um ihn. Ich kenne keinen Mann mit vergleichbarer Virilität. Allerdings weiß er um seine Qualitäten und spickt sie mit Arroganz.

Es stört mich nicht im Geringsten.

Ich spitze den Stift und schlage das Blatt um. Bin ich nicht schnell genug, habe ich Pech gehabt. Er hasst es angeblich, von mir gezeichnet zu werden. Ein überhebliches Grinsen ernte ich dennoch jedes Mal. Immerhin schmeichle ich seinem Ego mit meiner Kunst.

Gebe ich nicht acht, verschwindet er in seinem Appartement und taucht erst wieder um zehn Uhr abends auf.

Er wird ein Hemd tragen, Hände schütteln, mit den Stammgästen plaudern und seine Arroganz und Verschlagenheit hinter einem höflichen Lächeln verbergen, wie es sich für einen Mann von Welt gehört.

Er ist es nicht. Ich weiß das, seine Leute wissen das, er selbst ohnehin. Doch für die Gäste mimt er den kultivierten Japaner, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Für einen tadellosen Klubbesitzer arbeiten auch tadellose Shivas, was gut fürs Geschäft ist.

Sein wahres Wesen kommt zum Vorschein, wenn er sich von Fremden unbeobachtet in seinem eigenen Reich bewegt. Halbnackt stellt er seine Stärke und Schönheit zur Schau und genießt die Mischung aus Bewunderung und Angst in den Augen der anderen.

Ich bin süchtig nach dem Anblick seiner Hüftknochen. Sie ragen über den knapp sitzenden Hosenbund und ein breiter Ledergürtel mit Silberschnalle betont sie auf verboten anrüchige Weise.

Ein verknoteter Drache, der seine dreizehigen Vorderklauen einem imaginären Angreifer entgegenstreckt und sein Maul bis zum Anschlag aufreißt. Dass die Metallkrallen dabei in Josephs Haut stechen, wenn er sich nicht kerzengerade hält, scheint ihn nicht zu stören. Offenbar ist ihm die Betonung seines muskulösen Unterbauchs den zeitweiligen Schmerz wert.

Joseph ist ein Pfau. Der schönste und stolzeste, der mir je begegnet ist.

Ich fange mit dem Kohlestift seine nicht ganz so langen Beine ein, die kräftigen Schultern, den Rücken mit dem gigantischen Tattoo eines Samurais. Auch die hochgebundenen Haare. Dank des lockeren Knotens kommt der Nacken zur Geltung. Stark, unbeugsam, dennoch keineswegs steif. Kein Problem für mich, den Schwung bis hinunter zu den Schulterblättern zu skizzieren. Ich habe es bereits viele Male getan.

Jeder Muskel, jede Sehne unter der goldbraunen Haut ist mir vertraut. Gleichgültig, ob er schläft oder einen Shiva vögelt.

Ich liebe es, ihn dabei zu zeichnen. Er lässt es zu, wenn ich ihn darum bitte. Irgendwann sieht er mich an. Das Glühen in seinen Augen, kurz bevor er sich dem Rausch ergibt, ist mir ebenso heilig wie der verschwimmende Blick danach.

Er schenkt mir diese intimen Momente. Er weiß, dass ich sie wie die Luft zum Atmen brauche und keinen Deut mehr von ihm bekommen werde.

Ein einziges Mal habe ich mein Glück bei ihm versucht. Er hat mir ausgesprochen schlagkräftig klargemacht, dass niemand Joseph Wakane fickt. Nachdem ich meinen Kiefer wieder eingerenkt hatte, habe ich mich damit abgefunden.

Für Sex wird bezahlt. Wer das Geld nimmt, ist käuflich und demnach ein Shiva, wer das Geld gibt, ist ein Mensch und besitzt das Recht auf Freiheit und Stolz.

Es ist müßig, mit Joseph über diese archaische Einstellung zu streiten. Männer wie er trinken sie bereits mit der Muttermilch.

Joseph bleibt stehen, wendet sich zu mir. Langsam hebt er die Arme und dreht sich einmal um sich selbst.

Arroganter Mistkerl!

Sein Grinsen reicht bis zu den Ohren und sagt: Ansehen ja, anfassen nein. Dabei wollen meine Finger nichts sehnlicher, als über die runden Schultern streichen und die braunen Nippel necken.

Auch seine ein wenig zu breite Nase hat es mir angetan. Manchmal träume ich, dass ich sie küsse, während ich ihm meinen Finger zwischen die Lippen schiebe.

Er würde nicht daran lecken oder saugen.

Er würde ihn abbeißen.

Steve tritt ihm in den Weg. Er ist seine rechte Hand. Auf mich wirkt er loyal. Wahrscheinlich hängt er genau wie alle anderen an seinem Leben. Trotzdem ist er der Einzige neben mir, der Joseph nicht mit Sir anspricht. Die beiden gehen sehr vertraut miteinander um. Ab und an bin ich darauf eifersüchtig.

Ich sollte meine Gefühle besser im Griff haben. Joseph ist jünger als ich. Wie viele Jahre kann ich nur schätzen. Sechs bis acht sind es sicherlich. Dennoch hat er sich ebenso unter Kontrolle, wie den ganzen verdammten Klub.

Ich skizziere die Männer. Den Alten mit dem grauen Pferdeschwanz und dem Misstrauen im Gesicht, den Jungen mit der unfassbaren, stets präsenten Autorität. Sie strahlt ihm aus jeder Pore.

Der dünne Schweißfilm auf seiner Haut fasziniert mich. Es ist unmöglich, in Kowloon nicht zu schwitzen, aber Joseph schafft es auf eine Weise, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Das Ziehen in meinem Unterleib ist ein Dauerbegleiter, wenn ich in seiner Nähe bin. Ich beginne mittlerweile, es zu genießen.

Joseph verabschiedet Steve und schlendert auf mich zu. Aus den dunklen Augen springt mir Spott entgegen – wie so oft.

Außer wenn es ihm kommt. Dann verschmelzen unsere Blicke über den Rücken eines keuchenden Shivas hinweg.

Anfangs begegnete er mir mit ausgesuchter Höflichkeit. Seit er weiß, was ich für ihn empfinde, hält er mich mit seinem rüden Verhalten auf Distanz.

Ich lächle ihn an. Ich kann nicht anders, angesichts seines nackten, sehnigen Oberkörpers.

Breitbeinig baut er sich vor mir auf.

Ich könnte mich hinstellen und würde ihn um einen halben Kopf überragen. Das würde an seinem stolzen Grinsen jedoch nichts ändern.

»Wird es dir nicht langweilig?« Er nimmt mir den Zeichenblock aus der Hand.

Ich lasse ihn gewähren, denn nur so komme ich in den Genuss der geschmeidigen Bewegungen, da er sich zu mir herunterbücken muss, um sich anschließend wieder aufzurichten.

»Ich bin ein langweiliger Typ.« Das Spiel seiner Muskeln lässt mich von verbotenen Dingen träumen.

Joseph schaut von der Zeichnung auf. Das Nussbraun wird vom Schwarz der Pupillen verschlungen. »O’Farrell.« Seine Mundwinkel zucken. »Männer wie du sind niemals langweilig.«

»Wenn du das sagst.« Ein Kompliment. Das tröstet mich darüber hinweg, dass er mich nie bei meinem Vornamen nennt. Diese Tatsache versetzt mir einen Stich ins Ego. Auf eine gewisse Weise fühle ich mich Joseph sehr vertraut. Ich wünschte, das würde auf Gegenseitigkeit beruhen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und genieße seinen Anblick. Mir macht es nichts aus, zu ihm aufzusehen. Ich bin mir sicher, er selbst denkt anders über die umgekehrte Situation.

Der Duft seines Schweißes steigt mir in die Nase. Ich atme bewusst tief und geräuschvoll genug ein, damit er es bemerkt.

Sein Lächeln wird beinahe liebevoll. In seinem Bedürfnis nach Anerkennung, egal worin, gleicht er einem Kind.

Wenn ich ihm das sage, schmeißt er mich hochkant raus.

Obwohl ich entspannt sitze, spreize ich die Schenkel weiter. Ich habe etwas zu bieten. Es klemmt hinter zu viel Stoff, ist dank meiner Erregung allerdings gut zu erkennen. Außerdem berühre ich dadurch Josephs Bein mit meinem Knie.

Der Impuls fährt ihm durch den Körper.

Ich bin Arzt. Ich bemerke so was.

Auch wenn er nach außen hin keine Miene verzieht. Das minimale Zucken seines Oberschenkels entgeht mir ebenso wenig wie der veränderte Ausdruck in seinen Augen.

Nur einen Moment. Dann siegt der Spott über jede andere Regung. »Hier.« Er wirft mir den Block zu. »Nimm es mir nicht übel, aber du hast mich schon besser getroffen.«

Ich antworte ihm mit einem Lächeln. Es sagt das, was er weiß und wahrscheinlich verabscheut. Ich bin ihm nicht halb so gleichgültig, wie er es gerne hätte.

»Vielleicht versuche ich es später noch einmal«, setze ich eins drauf. »Oben bei dir.« … wenn du in den Leib eines Shivas stößt und davon träumst, dass ich dasselbe bei dir mache.

Erneut weiten sich seine Pupillen. Er schluckt und ich verbeiße mir ein Seufzen. Sein hoch- und runterhüpfender Kehlkopf ist gnadenlos sexy.

»Nein.« Seine Lider senken sich, bis bloß Schlitze übrig sind. »Du hast vergessen, bitte zu sagen.« Abrupt dreht er sich um und verlässt das Entree.

Mit einer Dynamik, die mein Herz gegen die Rippen pochen lässt.

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