»Geh ins Haus!« Meine Mutter zerrt mich an der Kapuze zurück. »Der Blitz wird dich treffen!«

Regen klatscht vom Himmel, als wollte er die Welt ertränken. Um mich her zucken Blitze, doch der Donner dazwischen ist schlimmer. So krachend und laut, dass es mir im Leib zittert. Nicht nur vom Widerhall. Auch weil er meine Angst schürt. Dieses Gewitter ist ungewöhnlich. Der Herbst ist weit vorangeschritten, die ersten Winterstürme haben bereits eingesetzt. Ich kann mich so spät im Jahr an kein Unwetter dieser Macht erinnern. Es ist heftiger als nach einem schwülen Sommertag. Außerdem kommt es nicht übers Meer, sondern vom Land. 

»Iven!« 

»Ja, gleich!« Ich schlage ihre Hand weg. Dafür wird sie mir nachher eins überbraten. Im Moment ist mir das egal. Da hinten auf der Ebene ist jemand. Ein Reiter. Sein Mantel ist nachtblau, sodass man seinen Träger für eine Lücke in den Wolken halten könnte. Aber meine Augen sind gut. Viel besser als die aller anderen. Mein Vater sagte früher, ich sähe Dinge, noch bevor sie Gott erschaffen hätte. Darauf bin ich stolz. 

»Ich reite ihm entgegen.« So wie der Reisende auf dem Sattel hängt, ist er entweder verletzt oder halbtot. »Wir werden ihm Obdach anbieten.« 

»Was?« Entsetzt starrt mich meine Mutter an. »Und wenn er uns nachts bestiehlt und uns die Kehlen im Schlaf durchschneidet? Was dann?«

»Nicht jeder Fremde ist ein Nordmann.«

»Doch alle Fremden sind Schurken!«

»Nein, sind sie nicht.« Ich kneife die Augen zusammen, bilde mir ein, im Wetterleuchten ein Schwert an seiner Seite auszumachen. »Er ist unbewaffnet«, lüge ich. »Außerdem ist er allein.« Meistens schweigt mein Gewissen und fügt sich, ohne zu murren, meinen Bedürfnissen – bis auf eine Ausnahme. Aber einen Menschen in diesem Höllenbrausen im Stich zu lassen, geht mir gegen den Strich. Der Reisende ist der höchste Punkt weit und breit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm der Blitz das Leben aus dem Körper spaltet. 

Der Tod meines Vaters sitzt mir zu schwer im Nacken. Hätte ich vor drei Jahren mein Herz fester in der Hand gehalten, wäre er noch am Leben. Es waren nur zwei versprengte Nordmänner. Weiß der Teufel, wo der Rest von ihnen steckte. Sie stapften zwischen den Bäumen auf uns zu. Mein Vater brüllte »Lauf!« und hob die Axt, die er bisher nur zum Bäumefällen benutzt hatte. Deshalb waren wir gekommen, um Holz für den Winter zu schlagen.

Ich Idiot gehorchte, versteckte mich zitternd hinter einer ausgebrochenen Wurzel und hörte meinem Vater beim Sterben zu.

Sie haben ihn behandelt wie Brennholz. Einfach auf ihn eingeschlagen. Äxte, ja die hatten sie auch besessen. 

Ich kniete bis zur Abenddämmerung neben seiner Leiche. Bat ihn unzählige Male um Vergebung, doch das brachte nichts. 

Ich kann mir nicht vergeben. Ich bin stark. Zwar kein Kämpfer, aber ich hätte zumindest versuchen müssen, ihn gegen die Krieger zu verteidigen. 

Er war mein Vater. Jeden Tag seines Lebens hatte er damit verbracht, mich und meine Geschwister zu beschützen. 

Und ich ließ ihn im Stich. 

Ich werde nie wieder jemanden im Stich lassen. Ich schwor es an seinem Grab und brannte es mir in die Seele. 

Mutter weiß nichts von meinem Schwur. Auch nichts von meiner Feigheit hinter der Wurzel. Sie war einfach nur dankbar, dass wenigstens ihr Sohn den Angriff überlebt hatte. Sie hat nie gefragt, was genau an diesem Tag geschehen ist. Vermutlich hat sie meine Ruchlosigkeit geahnt und entschieden, dass es für alle leichter ist, sie auf sich beruhen zu lassen. Es hat lange gedauert, bis ich ihr in die Augen sehen konnte. 

Der Mann auf der Ebene ist keiner der Wilden, die mit ihren schmalen Schiffen am Horizont auftauchen und die Siedlungen und Klöster überfallen. Ich weiß, wie die aussehen.

Ein Ritter? 

»Ein Bettler«, faucht meine Mutter neben mir. »Lass ihn ziehen und komm endlich rein.« 

»Auf einem Pferd?«

»Die Zeiten ändern sich.« Sie spuckt aus, der Gegenwind klatscht die Spucke an ihren Rock. Sie bemerkt es nicht, wischt sich nur den Regen aus dem Gesicht. »Wer es auch ist, ich will ihn nicht unter meinem Dach.« 

Seit Vaters Tod will sie niemanden mehr hier sehen. Bis auf Mael, unseren Nachbarn. Hin und wieder teilt sie das Bett mit ihm. Mich macht das wütend aber ich verstehe sie. Es gibt schlimmere Männer als Mael und er behandelt sie gut. 

»Das mit dem Entgegenreiten vergiss lieber.« Mutter zuckt unter einem Donnerschlag zusammen. »Das Pferd geht bei diesem Wetter keinen Schritt aus dem Stall.«

Sie hat Recht. Luik ist ein Schisser. 

»Ich renne ihm entgegen und du wärmst die Suppe auf.« Ich ziehe mir die längst aufgeweichte Kapuze über den Kopf. »Und denk an den Wein!« Wehe, sie knausert. Wäre ich auf Reisen, was ich dank meiner Mutter niemals sein werde, wäre ich ebenfalls froh, wenn mir jemand einen trockenen Platz und etwas zu essen anbieten würde. Vor allem während eines Weltuntergangs wie diesem. 

Trotz meiner Angst trabe ich durch den Schlamm bis zum Fußpfad. Endlich finden meine Füße zwischen den Steinen Halt. 

»Bitte Gott, bewahre mich davor, als verkohltes Mahnmal jugendlichen Leichtsinns zu enden.« Wer bin ich, mich mit einem Ungeheuer von Gewitter anzulegen? 

Nein, dieses Mal verstecke ich mich nicht. Keine Wurzel, nur ich, mein polterndes Herz und die Kraft meiner Beine, die sich bei jedem Donnerkrachen zu verflüchtigen scheint. 

Wie mag es dem Reiter ergehen? Ein Wunder, dass er sein Pferd im Zaum hält. Luik wäre längst auf und davon und würde sich einen Dreck darum scheren, was mit seinem Herrn hinter ihm geschieht.

Ich renne so schnell, wie es der aufgeweichte Pfad und der Sturm zulassen. Er stiehlt mir die Luft direkt vor der Nase weg. 

Endlich erreiche ich den Mann. Mir ist, als wäre ich Ewigkeiten unterwegs gewesen. 

»Herr!« Besser, ich hebe die Hand. Er soll mich als Freund und nicht als Feind wahrnehmen.

Er zügelt das Pferd, sieht mir entgegen. Unter der Kapuze seines Mantels hängen ihm die Haare nass ins Gesicht. Es dauert, bis ich die Augen dazwischen erkenne.

Braun wie frische Haselnüsse. Doch mit erschöpftem Blick, der unendlich verloren wirkt.

»Herr, Ihr könnt auf unserem Hof übernachten. Sicher könntet Ihr etwas Wärme und ein gutes Essen vertragen.« 

»Danke.« Sein Lächeln ist so müde wie seine Augen. »Aber ich kann dich dafür nicht bezahlen. Ich führe nichts von Wert bei mir und das Pferd brauche ich noch.«

»Ihr müsst nichts bezahlen. Meine Mutter freut sich über Gäste.« Verfluchen wird sie mich. 

Die Finger lösen sich von dem Zügel, legen sich mir auf die Schulter. »Danke.« 

Es klingt so erleichtert, dass mir warm ums Herz wird. Es war richtig gewesen, durch die Blitze und Donnerschläge zu rennen, um ihm zu Hilfe zu kommen. Es ist noch richtiger, wieder zurückzurennen und dabei ein Stoßgebet nach dem anderen zum wutschnaubenden Himmel zu schicken. 

»Ich bin Louan, Meister des …« Er presst die Lippen zusammen. 

»Ja?« Ein Meister. In was? Er wirkt jung. Höchstens eine Handvoll Sommer älter als ich selbst. Nein. Da ist eine schneeweiße Strähne inmitten der dunkelblonden Haare. Kinnlang. 

»Nur Louan.« Sein Blick dringt in meinen. Berührt etwas in mir. Es fühlt sich warm an, sanft. Trotzdem erschrecke ich mich. Einfach, weil es zu tief in mir drin sitzt. Es gehört dort nicht hin. Zumindest nicht, wenn mich ein Mann ansieht. 

»Es ist nicht nötig, dass du mich Herr nennst. Denn das bin ich für dich nicht. Belasse es bei meinem Namen. Alles andere wäre falsch.«

»Ganz wie Ihr …« Nun ja, wie ein edler Herr kommt er wahrlich nicht daher. Das Reisebündel und das Schwert sind sein einziges Gepäck. »Ganz wie du wünschst, Louan. Ich heiße Iven.« Ich lächele zu breit. Mir gefällt es, vor einem Fremden nicht katzbuckeln zu müssen. Von gleich zu gleich. So mag ich es. Allerdings hat mir diese Haltung schon einige Prügel beschert. 

Erneut leuchtet der Himmel auf und erinnert mich an meinen Leichtsinn. »Noch ein bisschen, und uns schmoren die Blitze. Wir sollten uns beeilen.« Sonst kostet mein Heldenmut zwei Leben statt eines.« 

Ich trabe neben dem Pferd her, bis es mir in der Lunge sticht.

Louan scheint andere Sorgen zu haben. Mit angespannter Miene späht er zu unserer Fischerhütte, nimmt auch die Umgebung ins Visier. Als suche er etwas im Geäst der Holunderbäume oder in den Schatten der Mauern. Erwartet er einen Feind? Bei uns zuhause? Sollte er meine Mutter meinen, gebe ich ihm Recht. Aber die hockt nicht im Holunderbaum wie eine Hexe, sondern wird ihm direkt auf der Schwelle in die Haare fahren. 

Wenn man vom Teufel spricht. Sie erscheint breithüftig und bedrohlich im Hoftor, unsere Magd Mari, mit Dreschflegel bewaffnet, taucht hinter ihr auf. 

Ich murmele einen Fluch. 

»Du bist sicher, dass ich bei euch willkommen bin?« In der sanften Stimme liegt eine Spur Hohn. 

»Ja«, erwidere ich so überzeugend, wie es mir angesichts meiner kampfwütigen Mutter möglich ist. »Hochwillkommen.« Ich werfe ihr einen strengen Blick zu, der sie nicht im geringsten schert. 

Was soll das? Nach Vaters Tod war und bin ich der Herr im Haus! Mir wächst ein Bart! Er ist schüttern, aber wen stört das? Meine Schultern sind breit und die Kraft meiner Arme reicht aus, um berstend volle Fischernetze ins Boot zu ziehen.

Louan steigt vom Pferd. Kaum berühren seine Füße den Boden, knicken seine Beine ein. Stöhnend lehnt er sich gegen das Tier. 

Er ist erschöpft. Bis auf die Knochen. 

Meine Mutter bemerkt es ebenfalls. Die Kampfwut weicht zumindest einen Schritt zurück. »Was zwingt Euch, bei diesem Wetter zu reisen?« 

»Meine Pflicht.« Er hebt den Blick, strafft die Schultern. 

Für einen Moment scheint alle Müdigkeit von ihm abzufallen. 

»Und wohin führt Euch eure Pflicht?«

Am liebsten würde ich ihr die Neugierde aus dem Hals würgen!

»Nach Osten«, antwortet Louan freundlich. »So nah wie möglich an der Küste entlang.«

»Und …«

»Schluss jetzt!« Will sie ihm Löcher in den Bauch fragen? »Lass ihn zuerst essen und schlafen.«

Sofort tritt reine Mordlust zurück an ihren Platz. Sie gilt mir, nicht unserem Gast. 

»Ganz wie befohlen.« Ihr Blick degradiert mich zu etwas, das sich in der Stellung weit unter der Hauskatze wiederfindet. »Verzeiht meine Vorsicht«, wendet sie sich mit einem nur wenig überzeugenden Lächeln an Louan. »Aber es herrschen düstere Zeiten.«

»Das ist wahr.« Louan neigt zur Begrüßung den Kopf. »Daher danke ich dir umso mehr für deine Gastfreundschaft.« 

Mutters Brauen wandern in die Höhe, ihre Lippen spitzen sich. »Ihr scheint ein redlicher Mann zu sein.« Schon klingt sie freundlicher. »Meine Magd wird sich um das Pferd kümmern und mein Sohn um Euch.«

Louan nickt, murmelt erneut einen Dank. 

Mich beschleicht das Gefühl, dass er sich keinen Augenblick länger auf den Beinen halten kann. 

»Komm, ich helfe dir«, sage ich leise und lege ihm den Arm um. »Meine Mutter mag eine Furie sein, aber sie kocht ausgezeichnet und mit ihrem Eintopf im Bauch stirbt es sich einfach angenehmer.« Hoffentlich bleibt es bei einem Scherz. So schwer, wie er sich auf mir abstützt, scheine ich der Wahrheit recht nah gekommen zu sein. 

Ich führe ihn ins Haus. 

Der Wein steht erhitzt auf dem Tisch und aus der Schale dampft die Suppe. Auch ein Stück Brot liegt daneben. 

Na bitte. Geht doch. 

Ich helfe unserem Gast aus dem Mantel, hänge das nasse Ding ans Feuer. 

Steif wie ein alter Mann lässt sich Louan auf den Hocker sinken.

Ich setze mich neben ihn, fülle seinen Becher. »Iss und trink, dann wird das wieder.« Sicherheitshalber schiebe ich ihm die Schüssel näher.

Er starrt darauf, als wäre bereits das zu viel von ihm verlangt. »Ich kann nicht.« 

»Warum nicht?« Ein Gelübde? In seinem Zustand sollte er das schnell vergessen. 

Er nimmt den Löffel zur Hand, stochert in der Suppe herum. Er entgleitet seinen Fingern. »Ich kann einfach nicht.« 

»Wann habt Ihr das letzte Mal gegessen?«, fragt meine Mutter streng. 

Louan schüttelt den Kopf. »Ich weiß es nicht.« 

»Und wann geschlafen?«

Er sieht sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden. 

Offenbar ist es schon länger her. Länger, als ihm guttut auf jeden Fall. 

»Er ist zu müde«, bemerkt meine Mutter mit erstaunlich freundlichem Ton. »Zum Essen und zum Leben. Er muss sich ausruhen, sonst wird das nichts mit ihm.« Sie nickt zu meiner Kammer. »Hilf ihm ins Bett und versuche, ihm wenigstens den Wein einzuflößen. Das wird ihn wärmen.« 

»Er soll bei mir schlafen?«

»Bei mir wird er es nicht tun, aber du kannst gerne Mari um diese Gefälligkeit bitten.«

»Vergiss es.« Tropfnass betritt Mari das Haus. »Nachher stirbt er heute Nacht und seine schwindende Seele hält sich an meiner fest und nimmt sie mit.«

»Schon gut.« Ich habe kein Problem damit, mein Bett mit schwindenden Seelen zu teilen. Nur eng wird es werden und auf dem kalten Boden schlafe ich auf keinen Fall. Selbst ein König würde mich nicht dazu bringen. Meine Kammer ist mir heilig. Zwar nur ein Anbau, doch ich habe ihn eigenhändig errichtet. Der Grund war simpel. 

Die gemeinsame Schlafkammer war mir ein Grauen. Das Gestöhne meiner Eltern während sie es miteinander trieben, stellte mir die Haare einzeln auf.

Nach einiger Zeit fanden auch sie diese Lösung weniger sonderbar als praktisch und wollten meinen kleinen Bruder und meine Schwester ebenfalls dort unterbringen. Mit Händen und Füßen wehrte ich mich dagegen. Die Kammer war mein Reich und ein Ort, an dem ich ungestört vor mich hinstöhnte, wenn sich meine Finger nachts zwischen meine Beine verirrten. Die Blagen hatten dort nichts zu suchen.

Den Winter darauf starben sie. Alle beide. An einem verfluchten Fieber. Damals ist ein großes Stück meines Herzens abgebrochen. 

Ich lege mir Louans Arm um die Schulter, hieve ihn auf die Beine. »Bring uns den Wein hinterher«, bitte ich Mari, die schon zu Krug und Becher gegriffen hat. 

Louan zittert. So sehr, dass seine Zähne aufeinanderschlagen. Das ist nicht gut. Was, wenn er krank wird? Wenn er tatsächlich stirbt? Ohne Suppe im Magen? Hätte ich bloß diesen blöden Scherz nie ausgesprochen! Er muss aus den nassen Sachen. Sie kleben ihm am Körper, machen alles nur schlimmer. 

Er kriecht aufs Bett, bevor ich die Chance habe, ihm die Tunika auszuziehen. 

Wie glänzend ihre Zierborten sind. Als wären sie mit Seide gestickt worden. Was sie vermutlich sind. Allerdings kenne ich Seide nur vom Hörensagen. 

Die Stiefel fordern mich ebenfalls heraus. Ich ziehe Louan fast vom Strohsack bei dem Versuch, ihn davon zu befreien. Ganz zu schweigen von der ungewöhnlich eng geschnittenen Hose. Mir wird seltsam, während ich sie ihm von den schlanken, langen Beinen pelle. Zum Glück ist die Bruoch nicht durchnässt. Aber sauber ist sie auch nicht mehr. 

Gott steh mir bei. Ich muss Louan komplett entkleiden. 

Wo ist das Problem? Ich bin ein Mann, der einem anderen dabei hilft, sich den Tod wegen nasser Kleidung zu ersparen. 

Dennoch wird mir warm und wärmer. 

Zum Schluss ist das Untergewand dran. Nicht zu vergleichen mit meinem rauen Hemd. Glatt und geschmeidig fühlt es sich an. 

Feine Stoffe für jemanden, der darauf verzichtet, Herr genannt zu werden.

Wie ein Baby rollt er sich zusammen. 

»Nein, so geht das nicht.« In dieser Stellung kann ich nichts ausrichten. »Das Hemd muss weg, Decken drauf und Wein muss in deinen Magen. Mein letztes Wort.« 

»Ich bin nicht so weit, Meister Lailoken«, murmelt er mit geschlossenen Augen. »Ihr dürft nicht sterben.«

»Wer ist Lailoken?« Ich fühle seine Stirn, bete, dass sie nicht heiß ist. Ist sie nicht. Dafür kalt. Eiskalt. 

»Herrje!« Fort mit dem Hemd. Egal, wie edel es sein mag. Lieber eine gerissene Naht als der Tod. 

Ich drehe Louan auf den Rücken, schäle seine steifen Arme aus kalter Nässe. Mir steht der Schweiß auf der Stirn, so anstrengend ist das. Mir ist überhaupt recht warm. Beim Anblick seines sehnigen Körpers wird es um einiges schlimmer. 

Kein gutes Zeichen.

Vor ein paar Jahren beobachtete ich Mari beim Baden. Ich dachte, es wäre spannend, eine nackte Frau zu sehen. Ein Irrtum. Jedenfalls schoss mir das Blut weder in die Wangen, noch in die Lenden. 

Jetzt schon. 

So grob ich kann, wische ich mir seltsame Gedanken und prickelnde Gefühle aus Kopf und Leib. 

Louan ist ein schöner Mensch. Ich mag schöne Menschen. Das ist alles. 

Überhaupt sieht er anders aus als die Leute, die ich kenne. Feingliedriger, schmaler im Gesicht und seine Augen wirken, als hätte jemand ein Licht darin angezündet. 

Wenn er sie denn jemals wieder öffnet. Gerade lasten die Lider darauf. Sie schimmern violett.

Auch kein gutes Zeichen. 

Flüchtig streiche ich ihm die helle Strähne aus dem Antlitz.

Weiß. Wie frisch gefallener Schnee. Nicht grau, nicht blond, nicht silbern, sondern wahrhaftig weiß. 

Ein seltsamer Mann. Hoffentlich erzählt er morgen etwas von sich. 

Sollte es ihm besser gehen. 

Richtig. Dafür muss ich sorgen. 

Auf seine Geschichte bin ich gespannt.

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