SchuldfrageAus dem verhangenen Himmel tanzten Flocken. Sie verloren ihre Schönheit in dem Moment, wo sie der Schneematsch schluckte. 

Mika fing sie mit der Zunge. Ein leicht saurer Geschmack mit einer milden Rußnote. Es wurde Zeit, dass er sich zu Geschäftswänden und wärmenden Lüftungsschächten zurückzog. Seine Schultern bedeckte bereits eine weiße, langsam schmelzende Schicht. 

»Bitte sehr.« Eine Frau warf zwei Euro in seine Büchse. Mika lächelte ihr zu. 

Kurz vor Weihnachten boomte sein Geschäft. Niemand wollte als Ebenezer Scrooge dastehen. Die Münzen sammelten sich schneller, als er sie ausgeben konnte. Zweimal hatte er sie bereits auf der Bank in Scheine umgetauscht. 

Zu viel, um bettelarm zu sein, zu wenig, um etwas Sinnvolles damit anzufangen. Vielleicht reichte das Geld für ein Zimmer in einem Motel. 

Stundenlanges Duschen und in einem weichen Bett schlafen. Sogar seine Kleidung könnte er dort waschen. 

Optimistische Idee. Als ob ein Portier ihn jemals als Gast akzeptieren würde. 

Mika zog die Knie dichter an den Oberkörper. Ihm war kalt. 

Seine Gedanken schweiften zu Cedric und der Sturmnacht in Gretas Haus. Manchmal genügte die Erinnerung daran, um die Wärme in seinen Körper zurückzulocken. 

Ob er Greta erzählt hatte, was geschehen war? Ob er sich immer noch fürchtete? Wenn es bloß eine Möglichkeit gäbe, einen Blick auf den Scherbenblog zu werfen. Er hatte es bei diversen Internetcafés probiert, war aber an der Tür abgewiesen worden.

In seinen Träumen war Cedric glücklich. 

Ein paar durchnässte Turnschuhe blieben vor ihm stehen. 

Sollten sie. 

Von dem Mann mit dem betörenden Geschmack zu träumen, war wichtiger, als einem Fremden wegen ein paar Cents zuzulächeln. 

Etwas Weißes fiel in die Büchse – ohne zu klimpern.

Mika neigte sich vor. 

Ein kleines Papierschiff. 

»Warum hast du Hab keine Angst mehr zusammengeschrieben?« 

Cedric! Eine Mütze tief in die Stirn gezogen, ein Schal bis übers Kinn gewickelt. Was dazwischen herauslugte, blickte ihn freundlich an. 

Mika zwinkerte. Weder Cedric noch das Boot verschwanden. 

Sein Herz sprang vor Schreck. Nein. Vor Freude! Oder war Cedric hier, um ihn doch noch verhaften zu lassen? 

Kein Polizist weit und breit. 

»Ich habe mir nächtelang darüber den Kopf zerbrochen.« Er hockte sich zu ihm. Sein Blick glitt über die nassen Haare und den Schnee auf Schultern und Knien. »Ist dir kalt?« 

Mika nickte. Weshalb konnte er nicht sagen, hey Cedric! Ich freue mich unendlich, dich zu sehen. Geht es dir gut? Kommst du klar? Hast du diesen Depp zum Teufel gejagt, oder vögelt er deinen süßen Arsch immer noch?

Wie ein Idiot starrte er den Mann an, der ihm den Puls in die Höhe jagte. 

»Greta vermisst dich. Ich soll dir Grüße ausrichten.« 

Auch Räuspern funktionierte nicht. Hatte er seine Stimme verschluckt? Wieder blieb ihm nur ein Nicken. 

»Trinkst du mit mir einen Kaffee?« Cedric lächelte Wärme in Mikas eingefrorene Knochen. »Irgendwo, wo es gemütlicher ist?« 

In einem Café? Mika verkniff sich ein Grinsen. »Die lassen mich nicht rein.« Immerhin. Ein Krächzen war besser als nichts. »Uns bleibt nur die Wärmestube.« Was für ein Vorschlag! »Vergiss es.« 

Ein Kaffee to go in der U-Bahn war eine ebenso dämliche Alternative. Ein Minutengespräch, länger würde es da unten nicht dauern. Die Sicherheitsleute waren im Moment scharf drauf. Er war heute schon zwei Mal erwischt worden.

Cedric verzog das bisschen Gesicht, was aus dem Strickzeug herausschaute. »Verstehe.« 

Wohl kaum. Aber das machte nichts. Er war hier, redete mit ihm. Das war das beste vorgezogene Weihnachtsgeschenk, das er jemals bekommen hatte. 

Seine Augen wurden nass. Musste am Schnee liegen. Mika wischte mit dem Handrücken darüber. Verdammt, er hatte sich bestimmt Dreck ins Gesicht geschmiert. 

»Und was ist, wenn wir uns irgendwo einen Kaffee holen und uns ins Auto setzen?« Cedric linste in die Büchse. »Da ist mehr Kohle drin als in meinem Portemonnaie. Lädst du mich ein?« 

Was für ein niedliches Grinsen. Es versteckte ein paar Sommersprossen auf den Wangen. 

Auf den Fersen wippend wartete Cedric auf eine Antwort. 

»Ich will dein Auto nicht versauen.« Mika war völlig durchnässt. Vom Schnee oben, vom Schneematsch unten. »Aber einladen kann ich dich trotzdem.« Der Inhalt seiner Büchse landete in der hohlen Hand. Über zehn Euro plus ein kleines Schiff. Er hatte glatt vergessen, sie zwischendrin zu leeren. 

Das Blechding fiel hinunter, rollte durch den Dreck. 

Mikas Finger zitterten, sein ganzer Körper bebte. 

Cedric reichte ihm ein Papiertaschentuch. 

Wozu? Richtig, aus seinen Augen lief es immer noch. 

Was war plötzlich mit ihm los? 

Er wollte sich entschuldigen, es kam nichts raus außer einem Schluchzen. 

Gott, es war so schön, so wunderschön, dass Cedric hier war. 

»Komm mal mit.« Cedric half ihm auf die Beine. Sie waren weich wie Watte. »Ich kenne eine Kneipe. Die ist nicht weit. Wenn wir uns brav in die Ecke setzen, regt sich der Wirt nur ein bisschen auf. Dort könnten wir auch eine Kleinigkeit essen.« Mit Schwung hing er sich den Rucksack über die Schulter. »Einverstanden?« 

Die Passanten verschwammen, ihr Gerede dimmte sich zu einem leisen Rauschen. Mika ließ sich von Cedric führen. Wie ein alter Mann stolperte er neben ihm her. 

Ein paar Stufen, Licht, warme Luft, die ihm ins Gesicht wehte. Ein Typ, der die Augen rollte und mit dem Daumen auf einen Tisch ganz am Rand zeigte. 

Cedric fragte nach etwas, das satt machte und sich leicht verdauen ließ. 

»Dein zerlumpter Kumpel hat lange nichts mehr zwischen die Kiemen gekriegt. Kann das sein? Wie siehst mit ‘ner Hühnersuppe aus?« 

»Bestens.« Cedric schob einen Kaffee in Mikas eiskalte Hände. »Sei nicht sauer, aber du schaust aus, als müsstest du dringend von Greta gepäppelt werden.« 

»Weiß ich.« Seit Wochen vermied er sein Spiegelbild in den Schaufenstern. 

»Erzählst du mir jetzt, warum du die Worte zusammengeschrieben hast?« 

»Weil sie zusammengehören.« Nichts war gern allein. 

»Ich will darüber reden.« 

»Über meine fehlerhafte Rechtschreibung?« 

Cedrics Mundwinkel zuckten. »Nein. Über uns.«

Innerlich duckte sich Mika. Der Kaffee schwappte über den Tassenrand. »Hast du noch Angst?« Bitte sag nein. 

»Die Nacht gehört nach wie vor nicht zu meinen Lieblingstageszeiten.« Cedric stippte den Finger in die Pfütze und malte Kringel auf den Tisch. »Allerdings genügt es mir mittlerweile, wenn ich das Licht anschalte und Musik höre.«

»Keine Panikficks mehr?« 

»Nein.« 

Das leise Lachen legte sich ebenso sanft auf Mika, wie vorhin noch der Schnee. 

»Nik und ich haben uns getrennt. Seitdem komme ich allein klar.« 

Stolz. Ganz deutlich hörte er aus jedem Wort. Seine Hände entspannten, klammerten sich an die heiße Tasse. 

Cedric hatte es geschafft. 

In seinen Bart sickerten erneut Tränen. Anscheinend war heute nicht sein stabilster Tag. 

Ein Teller mit Suppe und ein Körbchen mit Brot landeten auf dem Tisch. 

Cedric schwieg, während Mika löffelte, schluckte, wieder löffelte.

Wahnsinn, wie warm sich ein Magen anfühlen konnte. 

»Greta verbringt die Feiertage bei meinen Eltern«, plauderte Cedric. Er sah Mika beim Tellerauskratzen zu. 

Verdammt, seine Finger waren schwarz im Vergleich zu dem hellen Brot. Hätte er sie sich bloß vorher gewaschen!

»Sie fühlt sich allein zu Hause und wundert sich, dass du sie nicht mehr besuchen kommst.«

»Sie hat dir von mir erzählt?« 

»Und ich ihr von dir.« 

Mika verschluckte sich.

Cedric klopfte ihm auf den Rücken. 

»Alles?«, fragte er, als er endlich wieder Luft bekam. 

»Nur das Wichtige.« Cedric wickelte eines der Zuckerstückchen aus und ließ es in Mikas Tasse plumpsen. »Dass wir uns getroffen haben und du bei mir warst, als mich Nik im Stich gelassen hatte. Das fand sie gut.« 

»Aha.« Vielleicht lag es am vollen Magen, aber in Mikas Kopf war kein Tropfen Blut zum Denken. 

»Vorschlag.« Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte sich Cedric zurück. »Ich fahr’ dich zu ihr, du duschst dich, schläfst dich aus und morgen früh hilfst du mir bei meinem neuen Videoclip.«

»Geht nicht.« 

Cedrics Brauen zuckten nach oben. »Schon was Besseres vor?« 

»Nein, aber …« Herrgott! »Ich stinke wie ein Frettchen. Ist mir ein Rätsel, wie du es neben mir aushältst.«

»Bin knapp vor der Ohnmacht, aber noch geht’s.«

»Siehst du!« Mika versank hinter den Händen. Scheiße! Die waren starrdreckig! »Mit mir zusammen im Auto eingepfercht, haut’s dich garantiert weg.« 

»Ich öffne das Fenster auf deiner Seite.«

»Dann schneit es rein.«

»Damit werden wir zurechtkommen müssen.« 

»Hör auf.« Warum begriff Cedric nicht, dass er nichts mehr bei ihm oder Greta verloren hatte? »Ich habe dir gesagt, dass ich aus deinem Leben verschwinde. Genau das habe ich getan. Und dir geht es gut.« Keine Angst mehr, keinen Freund in Spießerklamotten. »Wenn du zu mir kommst und ich dich sehe, wenn du nett zu mir bist, so wie jetzt …« 

»Ja?«

Himmel! »Wie soll ich dich vergessen können?« Er hatte das Foto von ihm doch nicht umsonst auf der Waschmaschine liegen lassen. 

»Dann tu’s doch nicht.« 

»Was?« Mika gab auf. Die Situation schaffte ihn. 

»Ich habe ewig gebraucht, um dich zu finden.« Cedric legte seine Hand auf das schmutzige Ding mit Fingern dran. Mika wollte es wegziehen, aber Cedric hielt es fest. »Greta hat mir deine Favoriten genannt. Berlin, Dresden, Leipzig, Hamburg, Cottbus. Such mal einen Penner in fünf Großstädten. Hast du eine Ahnung, wie oft ich immer wieder dieselben Straßen durchkämmt habe?«

Er hatte ihn gesucht? Mika schluckte. 

»Es gibt kein Foto von dir. Dass ein paar deiner Kumpel begriffen haben, wen ich mit dem langen, dünnen Kerl meinte, verdanke ich deinen Dreadlocks. Echt, ein ziemlich taugliches Erkennungsmerkmal.« 

»Du hast Obdachlose nach mir gefragt?« 

»Wen denn sonst?« 

Mika zuckte die Schulter. Was Klügeres fiel ihm nicht ein. 

»Ich soll dich von einer ganzen Reihe von denen grüßen.«

»Danke.« 

»Ein Typ mit tätowierten Tränen im Gesicht meinte, deine Lieblingsstadt zu Weihnachten sei Berlin, weil da in der Nähe jemand wohnen würde, bei dem du ab und zu unterkriechst.« 

Helmut. Schön zu wissen, dass er noch lebte. 

»Also bin ich zurück hierher. Zum fünften Mal in zwei Monaten.«

»Du suchst mich seit …«

»… exakt einer Woche, nachdem du gegangen bist.« Cedric gab seine Hand frei und wischte sich seine eigene an der Serviette sauber. »Als ich dich vorhin an der Laterne sitzen sah, dachte ich zuerst, mein Hirn spielt mir einen Streich. Durch Wunschdenken ausgelöste Halluzinationen oder so. Ein Mann neben mir hat sich zu Tode erschreckt, als ich brüllend die Faust in die Luft gestoßen habe.«

Mika musste grinsen. Aus seinen Augen floss es zwar erneut, doch das scherte seine Mundwinkel wenig. 

»Komm mit mir.« In Cedrics Blick lag eine Wärme, die Suppe und Kaffee in den Schatten stellte. »Greta würde sich freuen, und wenn du willst, hätten wir über Weihnachten bei ihr sturmfrei.« 

Mikas Hand wollte zu dem wunderschönen, sauberen Gesicht. Sie zuckte, war bereits auf halben Weg, als er sie zurückzog. »Hast du keine Angst vor mir?« 

»Nein.« Cedrics Lächeln wurde zu etwas Wundervollem. »Schon vergessen? Du hast sie mir mit deiner breiten Zunge abgeleckt.«

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