»Hendrik! Wach auf!«

Jemand rüttelt mich.

»Los!«

Ein Schlag auf meine Wange. Ich spüre die Erschütterung, doch nicht den Schmerz.

»Räum den verdammten Ast von ihm runter!«

»Der Ast ist das eine«, brummt eine zweite Stimme. Älter, heiserer. »Die Kälte das andere. Sie frisst ihn auf.«

Wieder rüttelt es. Zweige knacken, oder sind es meine Knochen? Nein. Sicher nicht. Das würde wehtun. Mir tut nichts weh.

»Wir können froh sein, dass er noch lebt.« Die jüngere Stimme.

Tue ich nicht. Sonst würde ich mich fühlen. Irgendetwas von mir. Die Hände. Die Beine. Aber da ist nichts.

Stoff reißt. Ganz in der Nähe. Druck auf meiner Brust. Er wandert hinauf bis zum Hals, dann hinab bis zum Bauch.

Immerhin, den spüre ich.

»Das werde ich diesem alten Mann heimzahlen«, keucht es über mir. »Jedes abgefrorene Körperteil werde ich ihm in den verdammten Rachen stopfen!«

»Die Nase wird wieder«, sagt der Ältere. »Da war der Schal drüber und noch ist sie ja nicht schwarz. Der Rest sieht doch gut aus.«

Aus dem Druck wird ein Reiben, wird Hitze.

Schmerz. Unerträglich, als schmirgelte mir der Teufel persönlich die Haut vom Leib.

Ich will schreien, bringe nur ein Krächzen hervor. Will meinen Peiniger von mir stoßen, kann meine Arme nicht bewegen.

Luft! Sie kratzt durch meine Kehle, strömt eisig in meinen Körper.

»Hendrik!«

Wieder ein Schlag. Dieses Mal spüre ich das Ziehen deutlich.

Ein Mann, noch sehr jung, hockt über mir. Die Hände voll Schnee, mit dem er mich wie ein Besessener abreibt. Seine Wangen sind vor Eifer und Kälte gerötet, sein helles Haar fällt ihm ins Gesicht, schwingt wie ein Schleier bei jeder Bewegung vor und zurück.

»Es tut weh!« Ob er mein Flüstern hört? »Hör auf! Du schrammst mir die Nippel ab!«

Er hält tatsächlich inne, sieht mich an, als wäre ich der Sonnenaufgang seines Lebens.

Dabei ist er es. Ein Sonnenaufgang, eine Sternennacht, gefrorener Nebel auf dürrem Gras, das Schimmern eines Eiskristalls. So schön, dass es tief in mir schmerzt, wenn ich ihn ansehe.

»Sie bluten nur ein bisschen.« Er schleudert sich den Schnee von den Fingern, zieht mich empor, dass ich sitzen kann. »Wie konntest du in einer Nacht wie dieser einschlafen?«

»War keine Absicht.« Hält er mich für dumm?

Ein fein gewebter Wollmantel. Eine glitzernde Spange fasst ihn an der Schulter zusammen. Handschuhe aus weichem Leder, Stiefel mit langen Spitzen.

Ein Edelmann. Keine Frage. Woher kennt er meinen Namen?

»Auf mit ihm«, sagt der Mann, der die Laterne hält. »Aarschot liegt näher, als das Gut. Wir übernachten beim Gewürzhändler. Der Pfeffersack wird uns verfluchen, aber da er dir Treue geschworen hat, wird’s ihm nichts helfen.«

»Jaspar Schouten.« Der Blonde lächelt verschlagen. »Hervorragendes Essen, einen großen Badezuber, Hafer für die Pferde und seine verhaltenen Flüche, mit denen er uns zum Teufel wünscht.«

Ich mag seine Stimme. Rau, sanft.

Der Ältere mit der Laterne lacht. »Ja, ich schätze ihn auch und seine Frau noch mehr.« Seine Geste ist eindeutig.

»Nimm sie dir, Jorin. Doch vorher hilfst du mir, Hendrik aufs Pferd zu hieven.«

Beide packen mich, ziehen mich auf die Beine.

Ich fühle sie nicht. Kein bisschen. »Sie sind weg.« Hilf mir Gott! Ich habe meine Beine verloren! Warum sehe ich sie dann noch? »Meine Beine! Sind weg!«

»Die Hose aus! Schnell!« Der Blonde schlingt die Arme um mich, hält mich aufrecht.

Jorin zerrt meine Hosen hinunter. »Für die Schneereiberei ist es hier zu spät. Lag sicher an dem Ast. Der hat der Kälte in die Hand gespielt.«

Der Blonde flucht, dass es mir die Hitze ins Gesicht treibt. »Das wird wieder«, sagt er so verbissen, dass ich ihm kein Wort glaube.

Ich schließe vor Entsetzen die Augen. Ich brauche meine Beine. Sie dürfen nicht erfroren sein.

Wärme an meinen Wangen. Ein Kuss? So zärtlich.

»Lass dich ablenken, Hendrik.« Das verheißungsvolle Flüstern liebkost mein Ohr. »Höre auf meine Stimme. Sie führt dich durch die Angst.«

Seine Lippen auf meinen.

Ich vergesse zu atmen. Mich hat nie ein Mann geküsst. Mir hat nie jemand so viel Zärtlichkeit geschenkt.

»Bald werde ich dich mit dem besten Essen füttern«, flüstert er mir zu. »Dich baden, bis du bis ins Herz hinein erwärmt bist.«

Es ist seine Zunge. Das Warme, Feuchte, das sich sacht zwischen meine Lippen schiebt.

Ich bin benommen. Mir ist schwindelig. Mein Herz schlägt so seltsam, mein Blut rauscht lauter als ein Mühlbach nach der Schneeschmelze. Nur meine Beine scheint es auszulassen.

»Wir sollten uns beeilen«, höre ich Jorins besorgte Stimme durch die Mischung aus Glück und Qual. »Wirklich, Herr. Er muss so schnell wie möglich ins Warme. Und dann beginnt für ihn der Tanz erst richtig.«

Mein Retter flucht erneut.

Ich gebe mich den Händen hin, die mich auf einen Pferderücken wuchten, ich schmiege mich in die Arme, die sich von hinten um mich schlingen.

Ich bin tot und mitten im Paradies.

Gott ist ein gnädiger Mann.

~*~

Antwerpen, Sonntag der 31. Dezember 2017

Ich starre auf meine Abschrift, fasse nicht, was ich eben gelesen habe. Wer ist dieser Marquis? Und wie kann es sein, dass er einen Hendrik liebt, der ebenso humpelt wie ich? Er hat ihn gezeichnet. Mit einer Rune. Vor über 660 Jahren.

665.

Fahre mir über die Stirn, bilde mir ein Kribbeln zwischen den Augenbrauen ein. Marten hat von einem Zeichen gesprochen. Kurz vor seinem Tod. Jemand würde mich mit meinem Namen rufen, und wenn ich ihm folgte, wäre meine Seele verloren.

Verflucht, ist mir plötzlich kalt.

Ich lehne mich in Martens knarrendem Schreibtischstuhl zurück, kneife mir wie ein übernächtigter Börsenmakler in die Nasenwurzel.

Ganz ruhig. Für alles gibt es eine vernünftige Erklärung. Auch hierfür. Wäre der Brief nicht offensichtlich uralt, würde ich das Ganze für einen Scherz halten. Vielleicht ist es ein aberwitziger Zufall und Marten war nur wegen des Namens so aufgebracht. Er war alt, verwirrt. Das hat sein Arzt bestätigt. Wahrscheinlich ging seine Fantasie mit ihm durch und er hat sogar Rouven mit seinen wilden Ideen angesteckt.

Bisher habe ich ihn nicht erreicht. Dass ich die Briefe gefunden habe, würde ihn sicherlich interessieren.

Es hat ewig gedauert, den ersten zu entziffern.

Gotische Minuskel. Eine Schreibschrift aus dem 14. Jahrhundert. Ich kopierte mir zahlreiche Beispiele für das Alphabet aus dem Internet, um sie lesen zu können. Dazu kommt das mittelalterliche Flämisch, das meine gesamte Fantasie und noch mehr Recherche gefordert hat.

Sieben Briefe in sieben Bibeln. Als hätte Marten sie zwischen den heiligen Worten bannen wollen.

Fünf sind auf Pergament geschrieben worden, zwei auf einmal mehr, einmal weniger vergilbtem Büttenpapier. Die Handschriften ähneln einander in so eklatanter Weise, dass ich schwören könnte, es handele sich um denselben Verfasser. Zumal immer ein Marquis unterschreibt.

Doch das ist wegen der genannten Jahreszahlen unmöglich. Das erste Schriftstück ist irgendwann nach 1352 geschrieben worden. Das letzte am 6. Januar 1993.

Mein Geburtsdatum.

Am liebsten hätte ich es sofort gelesen, aber das wäre falsch. Ich werde mich an die Reihenfolge halten.

Jetzt warten alle sieben auf Martens wurmstichigem Schreibtisch mit gedrechselten Beinen und hundertprozentig vorhandenem Geheimversteck irgendwo hinter den geschnitzten Verzierungen. Ich werde es morgen suchen. Wer weiß, was ich finde? Hoffentlich nichts, das ich entziffern, übersetzen und abtippen muss.

Ich klappe den Laptop zu, danke Marten im Stillen dafür, dass er sich zu einem W-lan-Anschluss entschieden hat. Trotz seines offensichtlichen Hangs zu Althergebrachtem, war er dem Neuen offenbar nicht abgeneigt. Zwischen Bücherregal und Fenster steht ein Flachbildschirm und darunter ruht ein etwas in die Jahre gekommener Laptop.

Ich versinke im Anblick sanft fallender Schneeflocken und versuche, das beklemmende Gefühl aus dem Nacken zu verdrängen.

Antwerpen verwandelt sich vor der Scheibe in eine abendliche Zuckerwattestadt. Zu Mitternacht, wenn die Raketen die Dämonen des alten Jahres vertreiben, wird sich ihr Funkeln in den Schneekristallen spiegeln.

Seit heute Morgen wohne ich hier. Kein großer Akt. Nur mein Koffer. Aus irgendeinem, mir selbst nicht verständlichen Grund ist es richtig, die Briefe in ihrer vertrauten Umgebung zu lesen. Als ich versuchte, das meinem Vater zu erklären, hat er sich an den Kopf gefasst. Es wäre Silvester und wenn ich schon mal an diesem Tag zuhause wäre, sollte ich gefälligst mit ihnen feiern.

Ist mir nicht nach.

Dennoch fühlt es sich seltsam an, Silvester allein in einem fremden Haus zu verbringen.

Das Schlimmste sind die Gemälde.

Dunkle Stillleben mit toten Tieren und düstere Landschaften deprimieren mich. Ich werde sie an einen Trödler verkaufen. Die Gardinen schmeiße ich weg. Schließe ich die Augen und konzentriere mich, höre ich darin die Motten mit den Flügeln rascheln. Sie sind mindestens so alt wie Marten und wurden in den hundertundzwei Jahren kein einziges Mal gewaschen.

Alltagsgedanken. Sie tun gut in dieser Nacht.

Es ist so leise im Haus. Daran habe ich mich noch nicht gewöhnt. Ab und zu knackt es im Gebälk oder die Heizung bollert. Doch die winzigen Geräusche stören die Stille kaum. Sie füllt die Räume wie unsichtbarer Nebel, durch den nur gedämpft das Knallen verfrühter Raketen dringt.

Erst halb neun. Dreieinhalb Stunden, bevor ich mit gutem Gewissen ins Bett gehen kann.

In Barcelona feiere ich, bis der Morgen anbricht.

Ich sollte ausgehen. Es gibt genug Kneipen in Antwerpen. Vielleicht begegne ich jemandem, den ich von früher kenne.

Die Motivation reißt mich nicht gerade aus dem Stuhl. Außerdem bin ich müde und dieser Brief spukt mir im Kopf herum.

Die Aussicht, mich ins Bett zu verkriechen deprimiert mich jedoch noch mehr, als die Tatsache, allein das kommende Jahr zu begehen. Zwar habe ich die Daunendecken und Kissen von Marten mit meinem eigenen Bettzeug ausgetauscht und auch eine neue Matratze besorgt, dennoch werde ich auf einem Totenlager schlafen. Zwei Gläser Rotwein werden mir hoffentlich darüber hinweghelfen. Die Flasche steht schon auf dem Kaminsims. Ich fand sie im Küchenregal. Ein fünf Jahre alter Rioja. Damit kann ich nichts falsch machen. Mich wundert es nur, dass Marten anscheinend meine Vorliebe für spanische Weine teilte.

Ich würde sie gern mit einem Freund zusammentrinken.

Schwerfällig wie ein Greis hieve ich mich aus dem Stuhl. Mein linkes Bein tut weh. Die kalte Witterung tut ihm alles andere als gut. Dummerweise sollen die Temperaturen weiter absinken.

Martens Badezimmer ist zwar ähnlich antiquiert wie seine Möbel, doch sonst in Ordnung. Mit dem Heißwasserboiler über der Wanne komme ich klar, auch wenn er beinahe so alt aussieht wie das Haus.

Heute bin ich zu müde. Ich würde in der Wanne glatt den Jahreswechsel verschlafen, aber an den nächsten Abenden werde ich meinen Schlummertrunk genau dort genießen.

Ich entkorke die Flasche, fülle ein Glas. In der Küche liegt der Rest der Pizza, die ich mir vorhin bringen ließ.

Nur eine Option. Ich habe keine Lust, die Treppe bis ins Erdgeschoss hinunter zu humpeln.

Ich mache es mir im Sessel gemütlich, nippe an dem Wein. Ein zu bitterer Abgang mit einer dominanten Gewürznote. Das soll ein Rioja sein? Mir fehlt es an Alternativen, also werde ich mit dem ungewöhnlichen Tropfen klarkommen müssen.

Der Marquis schrieb, dass er Hendrik halb erfroren gefunden hätte.

Wie fühlt es sich an, auf diese Weise zu sterben? Sanft? Wie einschlafen? Frei von Angst?

Vor dem Fenster wirbeln große Flocken, legen sich sacht auf das Sims.

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