Sean klopfte die Taschen des Mannes ab. Bis auf ein Cuttermesser und eine Dose Hustenbonbons waren sie leer. Dann kam die Frau dran. Schlüsselbund, Taschentücher, kein Handy. 

»Luis, du beginnst oben. Bruno, du kommst mit uns.« Isabells Gesichtsausdruck glich der einer Katze vor dem Mauseloch. Hätte sie Schnurrbarthaare gehabt, sie hätten gezuckt. 

»Ich weiß, wo Ravens Zimmer ist.« Toms dünner Zeigefinger wies die Treppe hinauf.

»Tom!«, keifte die Alte und schüttete damit Wasser auf Isabells Mühlen. Ihren Fehler bemerkte sie erst, als der Mann aufstöhnte. 

»Toll gemacht, Erin. Am besten zeigst du ihnen gleich selbst den Weg, falls sich die kleine Ratte in der Tür irrt.« 

Luis zog seine Pistole aus der Jackentasche und ging vor. Tom drückte sich dicht an seine Seite. 

Henry hievte den Mann auf die Beine und kontrollierte damit gleichzeitig die Frau. Sie war sofort neben ihm. 

»Sag es nicht weiter, aber ich bin nervös«, raunte er Sean zu. »Ist mein erstes Ungeheuer, das ich entführe.« 

Bei dem Lärm, den sie veranstaltet hatten, hätte er auch brüllen können. Dieser Mac Laman musste sie gehört haben. Dass er noch nicht auf der Matte stand, konnte nur heißen, dass er sich irgendwo versteckte. In Seans Nacken begann es zu kribbeln. Wäre der Mann wirklich ein Monster, würde er sich nach und nach einen von ihnen packen und in einer finsteren Ecke ausbluten lassen. Dass Isabell sich in Sicherheit wähnte, war der pure Leichtsinn. Hatte sie nie Horrorfilme gesehen? Die fadenscheinigen Läufer schluckten kaum die Geräusche ihrer Schritte. Monster besaßen gute Ohren. Sean sah in jede dunkle Nische. 

»Da hinten ist es.« Tom wies auf eine Tür am Ende des Ganges. 

Die Frau fluchte, rannte vor, baute sich davor auf. »Nur über meine Leiche!«

Bruno wischte sie weg wie Staub vom Regal, schlug die Tür auf und zielte in absolute Dunkelheit. 

Seans Gänsehaut trieb Blüten. Fehlte nur noch die Klaue aus der Finsternis, die ihn in einen furchtbaren Tod zog. 

»Er ist krank, Teufelspack«, wetterte der Alte. »Lasst ihn in Ruhe!« 

Henry legte den Finger an die Lippen. Der Mann verstand, biss aber hörbar die Zähne zusammen. 

Bruno tastete um die Ecke und eine altmodische Deckenlampe erhellte das Zimmer. 

Kein klauenbewehrtes Ungetüm. Auch keine abschreckende Fratze, die von starrenden Reptilienaugen dominiert wurde. Nur ein Mann auf einem Bett, der erschrocken die Hände vors Gesicht schlug, weil ihn das Licht blendete. 

Schöne Hände. Sehr schlank, sehr langfingrig. Waren das schwarze Lackreste auf den Fingernägeln? Sexy Glatze, nackter, etwas zu magerer Oberkörper und endlos lange Beine, die in einer Röhrenjeans steckten. Entweder hatte sie schon bessere Zeiten erlebt, oder sie sah absichtlich so abgewetzt aus.

»Hey du!« Henry stieß den Mann unsanft an der Schulter an. »Willst du deinen lieben Überraschungsbesuch nicht begrüßen?« 

»Nicht wirklich.« Mac Laman nahm die Hände hinunter und blinzelte ins Helle. »Mich macht es nervös, wenn sich meine Visionen in der Wirklichkeit manifestieren.« 

Er hätte ein Gesicht wie Alabaster. Das hatte mal ein Freier zu Sean gesagt. Aber er hatte sich geirrt. Wenn jemand ein Alabaster-Gesicht besaß, dann Mac Laman. Durchscheinend weiß, markant geschnitten. Die Nase war ein wenig flach und breit, dafür waren die Lippen für einen Mann ungewöhnlich voll. 

Er atmete zu schnell, als wäre er gerade gerannt. Doch das konnte auch am Schreck liegen. Es stürmten garantiert nicht täglich bewaffnete Fremde in sein Schlafzimmer.

Finley hatte Recht. Der Kerl war krank. Das Laken war nass, auf der Haut perlte Schweiß und die Pupillen sahen aus wie dunkle Teiche. Außerdem stank es nach Erbrochenem. 

Finley drückte sich an ihnen vorbei und trug einen Eimer hinaus. »Tut mir leid, Raven. Diese Verbrecher sind einfach hier eingebrochen. Hol die der Teufel!« 

»Grüß ihn von mir, wenn er kommt«, murmelte Mac Laman. »Ich war eben noch bei ihm.« Stöhnend zog er die Beine dicht an den Oberkörper und schlang die Arme um sie. Als er die Stirn auf die Knie ablegte, stieß ihn Henry ein zweites Mal an.

»Hey, verkriech dich nicht, Teufelsbrut. Wir haben einen langen Weg hinter uns, um dich zu sehen.« 

»Raven ist keine Ausgeburt des Teufels!«, keifte Finley.

Mutiger Mann, sich mit demjenigen anzulegen, der ihn vor wenigen Minuten ausgeknockt hatte. 

Sein Blick glitt zu Mac Laman und strotzte vor Sorge. 

Der nahm es allerdings nicht wahr, sondern wippte vor und zurück. Registrierte er die Gefahr nicht, in der er steckte? Offenbar ebenso wenig wie Brunos Pistole, die ununterbrochen auf ihn gerichtet war. 

Sean drückte sie samt Hand hinunter. Bruno murrte, ließ sie jedoch unten. 

Erst in diesem Moment schien Mac Laman die Waffe zu bemerken. Sein Blick folgte Seans Bewegungen, ging den Arm hinauf, streifte über seine Brust, blieb kurz an der einsamen Schulter hängen. Schließlich sah er ihm direkt in die Augen. »Bist du auch eine meiner Halluzinationen?« Bruno lachte dreckig, aber Mac Laman scherte sich nicht darum. »Dann meint es mein Irrsinn erstaunlich gut mit mir.« 

Wie seltsam er sprach. Dunkel und weich. Wie ein Lied, nur auf demselben Ton gesungen. Es machte etwas mit Sean. Schlich sich in ihn hinein, strich sacht um seine Seele.

Mac Laman hob die Augenbrauen. Richtig, er wartete auf eine Antwort. Eine Halluzination war keine schlechte Methode, sich einen Überfall schönzureden. »Ich muss dich enttäuschen. Wir sind alle real.« 

Mac Laman nickte mit einem winzigen Lächeln. 

Was für ein wunderschöner Mund. Kein Wunder, dass seine Worte weich klangen. 

»Ich habe mich daran gewöhnt, Dinge zu sehen, die nicht da sind.« Er zeigte flüchtig auf Seans leeren Jackenärmel. »Deinen Arm sehe ich auch nicht.« Er hob den Ärmel an und sah von unten hinein. »Ich befürchte, der ist wirklich weg.« Beinahe liebevoll blickte er zu ihm auf. »Sei nicht traurig. Du hast ja noch einen anderen.« 

Der Kerl war drollig. 

»Mr. Raven Mac Laman, nehme ich an?« Sun trat dicht an das Bett. »Mein Name ist Chen Sun. Seit vielen Jahren befasse ich mich mit der Spezies Ihres Vaters, doch bisher hatte ich nie das Vergnügen, mit einem direkten Nachkommen eines Nachkommen eines Wasserdrachen zu reden.« 

Mac Laman sah ihn an, kniff die Augen zusammen, ohne mit dem Wippen aufzuhören. »Zwei Worte nerven mich gerade. Nachkomme und Wasserdrache. Das eine, weil es doppelt ist und das andere, weil es etwas mit meiner Erinnerung macht, das ich nicht will.« 

»Wasserdrache ist eventuell nicht der richtige Begriff«, erklärte Sun nach wie vor sehr freundlich. »Mein Vater war überzeugt, dass diese Wesen eher das Erbe prähistorischer Seeschlangen in sich tragen. Doch aufgrund der chinesischen Mythenwelt bevorzuge ich die eher romantische Bezeichnung. Rein äußerlich unterscheiden Sie sich übrigens massiv von Ihrer Elterngeneration. Um meine Theorie zu untermauern, benötige ich einen Beweis. Kann ich bitte Ihre Zähne betrachten?« Nebenbei streifte er sich Einmalhandschuhe über.

»Würde ich an deiner Stelle lassen, Chen Sun.« Mac Lamans sanfte Stimme stand in krassem Kontrast zu dem bedrohlichen Glühen seiner Augen. »Aber dir würde ich sie zeigen, Ire.« Er wandte sich zu Sean, leckte sich flüchtig die Lippen. »Mir gefallen dein Dialekt, deine Locken und deine kräftige Halsschlagader. Darf ich dich beißen?« Sehnsüchtig glitt sein Blick über Seans Kehle. »Wenn du schmeckst, wie du duftest …«, schnuppernd senkte er die Lider, »… wirst du mir eine wunderbare Nacht bereiten.« 

Seans Herz hüpfte hilflos in der Brust. Mac Laman wollte ihn beißen? Warum zum Teufel erregte ihn diese Vorstellung viel mehr, als dass sie ihm Angst einflößte?

»Wie wilde Minze nach einem Regenguss.« Seufzend sog Mac Laman noch einmal die Luft ein. Dann streckte er die Hand nach ihm aus. 

Sean war kurz davor, einzuschlagen. Die Geste wirkte geradezu magnetisch. Ein derber Stoß von Henry in die Rippen hielt ihn davon ab.

»Du willst nicht?« Mac Laman ließ die Hand wieder sinken. »Bedauerlich. Ich hätte dich während des Rausches gehalten. Du hättest nicht gemerkt, dass dir ein Arm fehlt. Hättest dich nur den verlockenden Gefühlen süßer Lust hingeben brauchen.« 

Schwarzer Samt. Wie er sprach, was er sprach. Die Worte streichelten über den kleinen Vogel in Seans Brust, der erstaunt den Kopf hob. 

Was für eine wunderschöne Vorstellung. Arme, die sich zärtlich um ihn schlossen, die sich nicht darum scherten, dass er ein Krüppel war. Denen ein Arm genügte, um sich geliebt zu fühlen. 

Fuck! Was dachte er da? Er zupfte bewusst energisch an dem Revers seiner Jacke. Hoffentlich hatte ihm niemand diesen sentimentalen Gedanken-Mist angesehen. 

»Ich würde dir auch meine Hand leihen«, wisperte Mac Laman. »Damit du all die Dinge mit dir machen kannst, zu denen dich mein Gift verführt.« 

Schlanke Finger, die seine Nippel neckten, sanft den Oberkörper hinabfuhren, um seine pralle Erektion zu umfassen. Seans Herzschlag polterte im Hals. Ihm war, als spürte er ihren warmen Druck bereits. 

»Du stellst es dir vor, stimmt’s?« Die vollen Lippen entließen ein leises Seufzen. »Male deine Fantasie weiter aus, Ire. Immer weiter. Doch sie wird nicht annähernd an die Wucht der Emotionen heranreichen, die ein Biss von mir für dich bereithält.« 

Sean versank in Fluten sinnlicher Bilder. Auch ohne Mac Lamans Biss weckten sie massenhaft heftige Gefühle in ihm. 

Henry murrte, aber Isabell wies ihn zurecht. Was erwartete sie? Dass er auf das Angebot einging? Sex war in seinem Job nicht vorgesehen. Nur freundliches Beilaunehalten. Allerdings sehnte er sich im Moment nach nichts anderem, als diesen sehnigen Körper unter sich zu begraben, um langsam die zweifellos heiße Enge zu erforschen. 

»Komm schon.« Mac Laman klopfte neben sich aufs Bett. »Ich will nicht viel. Nur die Nähe zu einem Traumgespinst, einen eingebildeten Biss und ein paar Tropfen imaginären Blutes. Danach darfst du dich auch wieder in Luft auflösen.« 

»Ich bin keine Hallu…«

»Doch.« Mac Laman lächelte. So verträumt, so entspannt. Nur die zuckenden Beine irritierten. »Ich habe mir die ganze Zeit jemanden wie dich gewünscht. Es war klar, dass mein krankes Hirn dich irgendwann ausspucken würde. Nur warum es zusätzlich diesen Schrott projiziert, ist mir schleierhaft.« Verwirrt betrachtete er Bruno, schüttelte dann resigniert den Kopf. »Wahrscheinlich wäre dieser Traum sonst zu schön für mich gewesen.« 

»Der ist auf Entzug.« Henry beugte sich über ihn, zog ihm eines seiner Lider hinunter. »Wie lange zappelst du schon hier herum und siehst weiße Mäuse?«

»Keine Mäuse. Ich sehe dich und diese hässliche Frau.« Er zeigte direkt auf Isabell. »Auch die anderen Typen. Und ich sehe ihn.« Wieder trafen sich ihre Blicke. »Gehört der irische Lockenkopf dir?«, fragte er Henry mit einer rührenden Arglosigkeit. »Wenn ja, kannst du ihn mir schenken?« Die Frage klang völlig ernst und Henry schüttelte ebenso ernst den Kopf. »Du brauchst Hilfe, Junge. Dringend. Was für ein Zeug hast du dir eingeworfen und wo zum Henker ist es?« 

Mac Laman lachte lustlos. »Mein Dealer ist mir abhandengekommen. Ich muss den Haufen Mist, der zufällig mein Leben ist, allein hinkriegen.« Das leuchtende Gelbgrün der Iriden wurde dunkler. 

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