Das Ding im Käfig zuckte zusammen, als Raven das Licht anschaltete. Es kroch in die Ecke, zog dabei sein Bein durch eine Pfütze. 

Verfluchte Sauerei. »Du hast einen Eimer zum Pissen. Benutz ihn gefälligst.« 

Statt einer Antwort kam nur ein Wimmern. 

War das Blut, das an den Gitterstäben klebte? Dann musste das gelbgrüne Zeug Eiter sein. Raven trat einen Schritt zurück. Um Nichts in der Welt würde er die Stangen mit bloßen Händen berühren. Das, was dahinter kauerte, schon gar nicht.

Er hatte es nur einmal getan, um David in den Tod zu schicken, doch der ließ auf sich warten. Erstaunlich, wie resistent Davids Organismus seinem Gift gegenüber war. 

Raven hatte ihn gebissen und in den Keller zum Sterben geschleppt. Dort wollte er ihn vergessen, vielleicht irgendwann entsorgen. Doch David hatte plötzlich nach Wasser gebrüllt.

Er hatte ihm den Eimer gefüllt und den Sterbenden damit in denselben Käfig gesperrt, in dem auch Laurens hatte leiden müssen. Aber David starb nicht. Im hintersten Kellergewölbe, weit von allen Ohren entfernt, die seine Rufe hätten hören können, atmete dieser stinkende Körper einfach weiter.

Ravens Magen krampfte sich zusammen, wie immer, wenn er zu dem Mann ging, den er abgrundtief hasste. 

Und wenn er ihn tatsächlich hier unten vergaß? Ihm keine Nahrung, kein Wasser brachte? 

Jeden Tag versuchte Raven, nicht in den Keller zu gehen. Nicht aus dem hinteren Gang das Wimmern zu hören, das ihn anflehte, ihn nicht zu vergessen. Es hatte sich in sein Hirn eingenistet, erinnerte ihn Tag und Nacht daran, dass es existierte. 

Was war er nur für ein erbärmlicher Feigling, dass er es nicht schaffte, diesen Mistsack krepieren zu lassen? 

Wer hatte gesagt, Rache wäre süß? War sie nicht. Sie war bitter. Für alle Beteiligten. 

Raven stellte eine Wasserflasche dicht genug an die Gitterstäbe, dass David sie erreichen konnte. Der Teller daneben war unberührt.

»Keinen Hunger heute, Daddy?« Er schnippte eine der trocken gewordenen Brotscheiben in den Käfig. »Sind dir die Zähne ausgefallen?« Oder hatte er sie sich abgebrochen, als er in die Stangen gebissen hatte? Knochen gegen Eisen. Was für ein aussichtsloser Kampf. 

Sein Stiefvater antwortete nicht. Er sah ihn nur mit diesem Blick an, der ihn bis in seine Träume verfolgte. 

Qual. Jedes Quäntchen davon hatte David verdient. 

»Auf Samuel!« Er prostete ihm mit der Wasserflasche zu. »Denk an ihn, wenn dein Fleisch zu stinken anfängt.« Jede Sekunde aufgezwungener Lust sollte er bereuen. Jeden Schrei, zu dem er Samuel getrieben hatte, würde er selbst ausstoßen. David musste in der Verzweiflung ertrinken, die ihn in dem Moment ansprang, in dem Raven das Licht löschte und ihn allein ließ. 

Noch vor wenigen Tagen hatte dieser Mistkerl an den Stäben gerüttelt und um Gnade gefleht. Jetzt nicht mehr. Auch Stimmbänder verrotteten. 

David rollte sich auf die Seite und zog die Knie zum Kinn. Sein Hemd rutschte hinauf. Die Haut, die zum Vorschein kam, war übersät mit Hämatomen, Blut und getrockneter Scheiße. 

»Angst macht eklig, David. Hast du das nicht gewusst?«

Die aufgesprungenen Lippen bewegten sich, brabbelten. 

Der Eimer hinter der Futterluke war leer. Offenbar gab Davids Körper seine Funktionen endlich auf. Gut, dann musste Raven wenigstens den Dreck nicht durch einen der Schächte entsorgen, die in den See mündeten. Fluchttunnel aus längst vergangenen Zeiten. David würden sie nicht mehr in die Freiheit führen.

»Bis später, Daddy.« 

Das Licht ging aus, David heulte auf. Gott, er klang wie ein sterbendes Tier. 

Raven drückte mit seinem Gewicht die Tür zu, lehnte sich dagegen und kämpfte gegen das Bedürfnis an, sich zu übergeben. Er hatte sich zum Rächer seines Bruders aufgeschwungen. Warum konnte er es nicht genießen? Diese Rache war gerecht. Trotzdem fühlte es sich an, als ob er Glut schlucken musste. 

Er flüchtete den Gang entlang wie jeden Tag. »Wenn ich morgen komme, sei endlich tot.« 

Das Wimmern wurde leiser, es lag an der Distanz. 

Und wenn er Samuel ins Vertrauen zog? Sie könnten diese stinkende, hirnzersetzende Bürde gemeinsam tragen.

Er blieb mitten auf der Kellertreppe stehen. Die Sehnsucht nach seinem Bruder drückte sein Herz ab. 

Nein, Samuel sollte nie wieder mit David belastet werden. Das war seine Aufgabe und er würde sie hinter sich bringen. Allein. Wenn es vorbei war, würde er den Körper verbrennen. Dann war es endgültig vorbei.

Lautlos schloss er die Kellertür. Beide Schlüssel verschwanden in seiner Tasche. Bisher waren Erin und Finley nicht misstrauisch geworden. Ob sie seit vier Wochen nicht in den Keller mussten oder ahnten, dass er dort etwas verbarg, wusste er nicht. Sie stellten keine Fragen, taten so, als gäbe es weder dieses Gewölbe noch den Mann, den er dort unten gefangen hielt. 

Schritte auf der Treppe? Raven drückte sich an die Wand.

Samuel ging an ihm vorbei. An der Haustür blieb er stehen, legte seufzend den Kopf in den Nacken. 

Keine schöne Nacht für dich, Bruder? Willkommen in meinem Dasein aus Finsternis. Wo ist dein Sonnenschein? Du gehörst zu den wenigen Menschen, die ihn mit sich führen können. Warum tust du es nicht?

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