Don't kiss, just driveWie wundgeschossen tigere ich in der Wohnung umher, falle Nelly auf die Nerven, mir selbst ohnehin. Nachdem ich freiwillig einkaufen gegangen bin, habe ich eine Runde im Park gedreht, bin am Seeufer entlanggejoggt, habe meinen Kaugummi ins Wasser gespuckt und dabei aus Versehen eine Ente gefüttert. Nelly hat mir einen Vogel gezeigt, bei der Kälte draußen Sport zu treiben. Minus zwölf Grad. Das bedeutet Eiszapfen an den Nasenhaaren.

Der Jaguar parkt immer noch vor dem Haus. Bringt mir nicht wirklich etwas, so ohne Schlüssel.

Kurz vor elf. Teshis Termin beginnt um Mitternacht.

Soll er sich ein Taxi nehmen.

Auf dem Tisch liegt die Visitenkarte.

Ich will ihn anrufen. Weshalb? Die Dinge sind geklärt. Nein, sind sie nicht. Dieses verdammte Auto steht hier herum. Na und? Was geht es mich an? Es ist seins. Er kann damit machen, was er will. Meinetwegen es auch sinnlos in der Gegend herumstehen lassen.

Ein fantastischer Wagen. Er hat ihn nur für mich gekauft.

Ich schlage mir vor die Stirn. Seit wann leide ich an Größenwahn? Er hat mich geduzt und trotzdem bei meinem Nachnamen genannt. Wie viel hat er für den Jaguar hingeblättert? Galionsfiguren. Auch ein Hobby.

Wieso habe ich nein gesagt? Was sollten die Anspielungen? Was habe ich angeblich richtig gemacht? Nicht auf Nuri zu schießen? Woher, verdammt, kennt Teshi meine Akte? Sind die Dinger nicht unter Verschluss?

Sein Daumen auf meiner Lippe. Entweder ist Teshis Sonar sehr fein justiert, oder er hat diese Information meines Privatlebens irgendwoher gezerrt.

Ich verheimliche nicht, dass mir Frauen nichts bedeuten. Allerdings hänge ich es auch nicht an die große Glocke. Die Don’t ask, don’t tell– Regel ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Teshi. Sein fein geschnittenes Gesicht. Die lange vor der Zeit ergrauten Haare. Mich interessiert der Grund. Eine Krankheit? Sorgen? Ein Gendefekt?

Eine Krankheit. Daher der Termin im medizinischen Institut.

Mitten in der Nacht.

Scheiß Therapie, wenn es einem danach wesentlich schlechter als vorher geht.

Medizinische Unterlagen. Eventuell sogar Blut- und Gewebeproben. Die könnten in dem Aktenkoffer gewesen sein. Deshalb hat er ihn auch dort gelassen. Bei seinem behandelnden Arzt.

Das Institut ist kein Krankenhaus, sondern eine Forschungseinrichtung. Eventuell beides. Was ist, wenn Teshi heute Nacht einen ähnlichen Termin wie gestern vor sich hat? Wird es ihm wieder schlecht gehen? Will er deswegen kein normales Taxi mit irgendeinem Fahrer, sondern mich, weil er mich schon kennt?

Der Kerl hat mir einen Jaguar vor die Tür gestellt.

Er ist verrückt.

Oder bis über beide Ohren in mich verschossen und nebenbei Millionär. Statt Blumen für die vermeintliche Dame gibt es eine Limousine. Ich hätte ihm vorhin sagen sollen, dass ich der Herr bin. Immer und in jedem Fall.

Gestern Nacht hätte er ohne meine Hilfe kaum die Eingangstreppe bewältigen können. Vor dem Hotel hat er sich zusammengerissen. Blass war er dennoch gewesen.

Ach verdammt. Ich tippe die verfluchte Nummer.

»Ja?«, meldet sich Teshi verhalten.

»Ich bin’s. Getty.«

»Fährst du mich?« Es klingt nach Bitte, nicht nach Frage.

»Ja. Aber ich brauche den Schlüssel. Schick meinetwegen einen Boten oder nimm dir ein Taxi bis zu mir.«

»Er ist im Briefkasten.«

»Woher wusstest du, dass ich nachgebe?« Ein altmodisches Telefon wäre schön. Dann könnte ich den Hörer aufknallen.

»Ich wusste es nicht.«

»Und was soll das mit dem Schlüssel?«

»Der Jaguar ist für dich. Mit dem Job hat er nur indirekt zu tun.«

»Das heißt, ich darf ihn auch behalten, wenn ich nicht für dich arbeite?«

»Selbstverständlich.«

»Danke.« Mir fällt nichts Klügeres ein.

»Getty?«

»Ja?«

»Ist das eine Zusage für heute Nacht oder wirst du mich auch in Zukunft fahren?«

»Miete mir eine Garage für die Karre. Ich will ihn sicher unterstellen, während ich mir den Eifelturm ansehe.«

Teshi lacht. Leise und so unermesslich erleichtert, dass es mir warm ums Herz wird. »Das lässt sich einrichten.«

Ich beende das Gespräch mit dem untrüglichen Gefühl, in eine Falle getappt zu sein. Trotzdem pfeife ich Born in the U.S.A., während ich meine Jacke anziehe und die Treppe hinunter sprinte.

Was erwarte ich von Teshi? Nervenkitzel? Gutes Geld für einen guten Job? Sex? Der Gedanke lässt mich grinsen.

Ich kenne ihn nicht. Weiß nichts von ihm. Nicht einmal seinen vollständigen Namen. Fängt er mich mit seiner Zutraulichkeit oder seiner Beharrlichkeit? Fesselt mich sein Charme oder seine Großzügigkeit?

Ich nehme den Schlüssel aus dem Briefkasten, werfe ihn hoch, fange ihn auf. »Du tappst mit offenen Augen in den Hinterhalt, Getty.« Ist mir bewusst. Statt Deckung zu suchen oder mich aus dem Staub zu machen, starte ich den Motor, lausche dem zweitschönsten Geräusch auf dieser Welt, und mache mich auf den Weg zu meinem neuen Arbeitgeber.

Ein cooles Ding, nicht mit einem schäbigen Taxi, sondern diesem Schätzchen vor dem Sheraton zu parken. Ein Page kommt mir entgegen. »Darf ich den Wagen für Sie …«

»Nein. Ich fahre gleich weiter.« Kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Es wird sich schnell genug herausstellen, dass ich nur der Chauffeur bin.

»Guten Abend«, begrüße ich die Dame am Empfang. »Sagen Sie bitte Teshi Bescheid, dass sein Chauffeur angekommen ist.«

Sie runzelt die heftig gepuderte Stirn. »Ihr Name?«

»Jacob Getty.« Aus Gewohnheit zeige ich ihr meine Fahrlizenz.

»Mr. Teshi erwartet Sie bereits, Sir. Zimmer …«

»511. Ich weiß.«

Sie reicht mir eine Schlüsselkarte. »Hiermit können Sie den Fahrstuhl freischalten.«

»Alles klar.« Ich schnappe mir das Plastikding, ertrage ein paar Atemzüge lang Winter wonderland im Aufzug, und stehe schließlich nach wenigen Schritten vor Zimmer 511. Gibt es hier kein Penthouse? Ich hätte es Teshi zugetraut.

Auf mein Klopfen hin öffnet mir ein Mann in dunklem Kimono die Tür. Seine Gesichtszüge sind eindeutig europäisch. Keine Spur von schrägstehenden Augen, einer etwas breiteren Nase oder sonst irgendetwas, das auf einen Japaner schließen würde. Bis auf die Kleidung. Hinzu kommen die rotblonden, an den Seiten schon deutlich silbernen Haare. Ich schätze ihn auf etwa fünfzig. Dafür hat er sich jedoch recht gut gehalten.

»Getty?«, fragt er mit durchaus sympathischem Timbre. »Jacob Getty?«

Ich nicke, reiche ihm die Hand, die er allerdings übersieht.

Arrogantes Arschloch.

»Dein Chauffeur ist da«, ruft er in das zwar moderne, doch eher schlichte Zimmer.

Teshi taucht hinter ihm auf. Ebenfalls in einem Kimono. Schwarz, ohne den geringsten Schmuck.

Seine Haare sind offen, fallen ihm über den Rücken. Sein Hals wirkt sehr schlank, ohne schützenden Hemdkragen oder Schal. Blass reckt er sich aus dem dunklen Stoff.

Ich muss schlucken.

Teshi sieht fantastisch aus.

Der Blonde tritt zurück, bittet mich mit einer Geste ins Zimmer.

Ich nicke ihm zu, kann meine Augen jedoch nicht von Teshi nehmen.

»Eine gute Wahl«, sagt er zu Teshi und scheint mich damit zu meinen.

»Die beste«, antwortet mein neuer Boss und ein Lächeln verwandelt sein Gesicht in etwas Bezauberndes. »Ich habe etwas für dich.« Er weist auf das Doppelbett.

Ein schwarzer, sehr edel wirkender Anzug, weiße Handschuhe und eine klassische Chauffeursmütze. So eine mit Schild vorne.

»Anzug und Handschuhe, kein Problem. Aber die Mütze? Niemals.« Was mich mehr irritiert als Teshis Kliescheeverliebtheit, ist die Tatsache, dass er sich das Zimmer mit diesem Kerl teilt. Oder ist der ebenfalls nur vorbeigekommen? So wie ich und wohnt nebenan?

Er geht zum Schrank, nimmt sich weiße Socken heraus und setzt sich auf einen der beiden Sessel am Fenster.

Er wohnt hier. Mit Teshi. Was heißt: Beide teilen sich dieses Doppelbett.

Während sich der Kerl die Socken anzieht und sich anschließend seufzend zurücklehnt, breitet sich eine massive Enttäuschung in mir aus.

Der Kerl ist mir unsympathisch. Von jetzt auf gleich.

»Sie sind Uniformen gewohnt, Getty.« Leger schlägt er ein Bein über das andere. »Wo liegt das Problem?«

»Woher wissen Sie, dass ich beim Militär war?« Verdammt! Was läuft hier?

»Ich weiß eine Menge über Sie, Getty, doch das tut nichts zur Sache. Ich bitte Sie, Teshi nach besten Kräften bei seiner Arbeit zu unterstützten und dazu gehört auch die Chauffeurskappe.«

»Und was arbeitet Teshi?« Ich sehe zu ihm, nicht zu dem Kerl mit den Socken.

»Was ist ebenfalls nicht von Belang. Nicht für Sie.« Sein Blick schweift zu Teshi, dessen Lächeln verschwindet. »Im Moment zumindest«, fügt er hinzu.

Teshi senkt die Lider, schluckt.

Er hat Angst.

Vor dem Sockenfreak? Vor seinem Job?

»Hier ist der Arbeitsvertrag.« Nachlässig blättert Mr. Arschloch in einem Papierstapel, dem er jedoch nur ein Bogen entnimmt. »Unterzeichnen Sie ihn hiermit.« Mit der einen Hand reicht er mir den Vertrag, mit der anderen einen Füllfederhalter.

»Aber lesen darf ich ihn vorher, ja?«

Ein gnädiges Nicken.

Ich habe den Kerl quergefressen.

Ich, Jacob Getty, geboren 1984 in Madison Wisconsin als Sohn von Elisabeth und Mark Getty, trete in Teshis Dienste, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er mich persönlich daraus entlässt. Ich werde niemandem gegenüber ein Wort über die Dinge, die ich, während meiner Arbeit erfahre, verlieren, noch Andeutungen in diese Richtung fallen lassen. Mein vollständiges Augenmerk ist auf meinen Arbeitgeber gerichtet, den ich nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen werde. Mir ist bewusst, dass sein Wohl in meinen Händen liegt und ich werde ihn niemals enttäuschen.

Madison, den 17.12.2016, 23:43 Uhr

»Was zum Henker soll das?« Es ist 23:42 Uhr. Spüre meinen Herzschlag im Hals. »Das hier ist niemals ein Vertrag.«

»Doch.« Mit einer flüchtigen Geste weist Socken-Joe auf das Papier. »Sogar die älteste Form eines Vertrages. Ein Versprechen.«

Teshi stellt sich neben mich. »Unterschreib es.« Er legt mir sacht die Hand auf den Rücken. »Bitte.«

»Und dann? Besitzt du danach meine Seele?« Was würde ich gern über den miesen Witz lachen. Leider bleibt mir jedes Geräusch im Hals stecken.

»Nein«, sagt Teshi leise. »Aber dein Leben.«

»Viel Spaß damit.«

Ich unterschreibe mit blutroter Tinte.

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