Don't kiss, just drive… in seinem Büro aufgefunden worden. Zur Todesursache kann sich die Polizei noch nicht …
»Ein Rührei, Jacob?«
Glibberige Masse rutscht auf meinen Teller.
Ich bin spät dran. Habe verschlafen. Nicht zu fassen.
Das ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr passiert. Kein Albtraum, kein nächtliches Hochschrecken. Fühle mich wie ein neuer Mensch.

… ein Aktenkoffer mit persönlichen Dingen …

»Du hast Post.«

Mit Schwung landet ein Berg Bratkartoffeln neben dem Ei.

»Ein Umschlag. Es klimpert, wenn man ihn schüttelt.«

… bei der Leiche gefunden worden.

»Ein Professor ist tot.« Seufzend schaltet Nelly das Radio ab. »Warum bringen die das in den Nachrichten? Es sterben täglich Leute. Da kräht kein Hahn nach.«

»Scheint ein bedeutender Mann gewesen zu sein.« Ich schließe die Augen, während ich eine Portion Eierpampe auf die Gabel häufe. Dass es zwischen trockenbacken und halb roh diverse Übergangsstufen speziell für Eierspeisen gibt, ignoriert Nelly konsequent. Unzählige Andeutungen meinerseits, die hin und wieder in versteckten Drohungen münden, überhört sie ebenso konsequent.

»Ein Professor Footsnapper von der Universität. Er hat an irgendwelchen Zellen geforscht.« Sie zuckt die Schulter. »Als gäbe es nichts Sinnvolleres, um den Tag hinter sich zu bringen.«

Die Bratkartoffeln sind labberig. »Soll ich morgen für uns kochen?« Ganz profan. Steak, Salat, Kartoffelbrei. Vielleicht noch einen Nachtisch. Muss aber nicht.

»Nein lass nur Junge, ich mach das doch gern.«

Schade.

»Hier.« Neben dem Teller landet ein Briefumschlag. Recht dick um die Mitte.

»Wer hat ihn abgegeben?« Mit schwungvoller, ästhetisch äußerst ansprechender Handschrift steht mein Name auf der Vorderseite. Mehr nicht. Auch auf der Rückseite findet sich kein Absender.

»Keine Ahnung. Er lag im Briefkasten. Vermutest du einen Anschlag?« Ihrer Miene ist nicht anzusehen, ob sie mich auf den Arm nimmt, oder die Frage ernst meint.

Ich reiße den Umschlag auf. Immerhin tickt er nicht.

Zwei Dinge fallen heraus. Ein Autoschlüssel und eine Visitenkarte. Kein Funkschlüssel, sondern einer mit Schlüsselbart. Auf der Karte stehen ein Name und eine Handynummer. Keine Anschrift, keine Emailadresse, keine Homepage. Und ob es sich bei dem Wort um einen Namen handelt, ist lediglich eine Vermutung. Es wäre naheliegend für eine Visitenkarte. Jedoch fehlen ein Mr. oder eine Mrs. davor. Von einem Vor- oder Nachnamen, je nachdem, was fehlt, ganz zu schweigen.

Teshi. Sagt mir nichts. Wer immer es ist, erwartet aller Wahrscheinlichkeit nach einen Anruf von mir.

Ich tippe die Nummer.

Nur die Mailbox springt an. Mir zu lästig, einen Spruch aufzusagen. »Ich geh mal raus.« Ein Autoschlüssel macht ohne Auto keinen Sinn.

In meinem Magen nistet sich ein Kribbeln ein. Fühlt sich gut an. Lebendig. Wer oder was ist Teshi? Und wie kommt er darauf …

Ein Jaguar XJ. Direkt vor dem Haus. Allein das ist unmöglich. Da sind nie Parkplätze frei. Ein älteres Model. Ich schätze aus den neunziger Jahren. Bildschön. Schwarz. Mit dieser netten, kleinen, springenden Raubkatze auf der Kühlerhaube. Die neuen Modelle sparen sich diesen Zierrat.

Ich liebe ihn.

Mein Herz schlägt sauber am Takt vorbei, während ich behutsam den Lack berühre. Auf Hochglanz poliert. Ein Liebhaberstück. Ich gehe um den Wagen. Verrückte Idee, den Schlüssel auszuprobieren.

Er passt.

Beige Ledersitze. Minimale Abnutzungszeichen. Runde, in Wurzelholz eingelassene Armaturen.

»Wer, zur Hölle, ist Teshi?«

»Ich.«

Gütiger! Beim Zusammenzucken stoße ich mir den Kopf am Holm.

Der Asiate lehnte am Wagen. Ein feines Lächeln auf den Lippen.

Hat er sich aus dem Nichts gebeamt? Ich bin aufmerksam. Ich merke, wenn sich jemand anschleicht. Gleichgültig, welches Leckerchen man mir vor die Nase hängt.

Er sieht gut aus. Längst nicht so blass wie gestern Nacht.

Der schwarze Mantel ist eng geschnitten und betont die schmalen Hüften. Ein Kashmirschal schlingt sich um den Hals, umschmeichelt das Kinn.

»Ich hoffe, der Wagen erfüllt Ihre Wünsche, Mr. Getty. Ich war so frei mich für ein älteres Modell zu entscheiden.«

»Kein Problem.« Will er mir den schenken? Will er mich damit erpressen? Kaufen? Nur zu.

Er schlendert an mir vorbei, stellt sich vor die Kühlerhaube. Die Kuppe seines Zeigefingers streicht über den silbernen Jaguarkopf. »Ich habe eine Schwäche für Kühlerfiguren.« Wieder dieses Lächeln. Es ist ungemein charmant mit einem Touch ins Spitzbübische. »Das Einzige, was mich noch mehr begeistert, sind antike Galionsfiguren.«

»Ein Sammler?« Bei den Galionsfiguren dürfte das schwer werden. Außer er nennt ein beachtlich weiträumiges Grundstück sein Eigen.

»Ein Liebhaber echter Handwerkskunst.« Er senkt ein wenig die Lider, nimmt mich ein paar Sekunden zu lange in Augenschein.

Ein Flirt? »Wozu der Wagen, Mr. Teshi?«

»Nur Teshi.« Er deutet eine Verbeugung an.

»Ihr Vorname?« Ich habe ihn, schon wegen der exquisiten Garderobe, für formeller gehalten. Doch offenbar ist es für ihn in Ordnung, sich von einem Taxifahrer beim Vornamen ansprechen zu lassen. »Freut mich, Teshi. Ich bin Jacob Getty.« Was er längst weiß. Dennoch strecke ich ihm die Hand hin.

Er ergreift sie zögernd, aber mit einem freundlichen Lächeln. »Ich benötige einen Fahrer«, sagt er, während sich seine schlanken Finger warm um meine schließen. »Heute habe ich noch einen dringenden Termin in dieser Stadt. Morgen um diese Zeit befinde ich mich jedoch auf dem Weg nach Paris.«

»Eine üppige Leihgabe für einen Ein-Tages-Chauffeur.« Ich fühle mich geschmeichelt.

»Nein.« Er hält meine Hand fest. »Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten. Auch in Frankreich. Ich werde dort selbstverständlich einen angemessenen Ersatz für diesen Wagen finden.«

Einen Augenblick fehlen mir die Worte. »Sie wollen, dass ich Sie nach Paris begleite?«

Er nickt.

»Als Ihr Chauffeur?« Er muss mich für begriffsstutzig halten. »Warum?«

»Sie sind ein sehr guter Fahrer.«

»Die gibt es in Frankreich ebenfalls.« Keinen Schimmer, warum ich mich wie eine alte Jungfer ziere. Er will, dass ich für ihn arbeite. Als Chauffeur. Das entspricht exakt meinem Traum. Er bläht sich auf, schillert, schwebt nah vor meine Nase – und platzt. Ich kann die Seife auf der Zunge schmecken. »Danke für das Angebot, doch ich befürchte, Sie werden es zurücknehmen, sobald Sie erfahren haben …«

»Nein.« Er zieht mich nah an sich heran. Ich spüre die Wärme seines Gesichtes an meiner Wange. »Es war richtig«, flüstert er mir ins Ohr. »Und das Letzte, was mich interessiert, sind Urteile Weniger über Einzelne.«

Mir wird heiß. Tief von innen heraus. Spielt er auf den Grund meiner Entlassung an? Woher sollte er das wissen? Dass ich Soldat war, dass ich einen Befehl verweigert habe?

»Ich liebe die Wüste.« Er neigt sich leicht zurück. »Der Sand ist gnädig wie Schnee. Er verdeckt das Unabänderliche.«

»Spielen Sie auf eine bestimmte Wüste an?« Der Kerl weiß etwas von mir. Ich will wissen, was.

»Ich spiele nie.« In seinen Blick liegt aufrichtiges Bedauern. »Dazu ist meine Aufgabe zu ernst. Was mich wiederum zu Ihnen geführt hat, Getty.«

»Es war ein Zufall. Das Sheraton lag auf dem Weg.« Also ist es ihm doch nichts mit den Vornamen.

»Arbeiten Sie für mich.«

»Ich habe bereits einen Job.« Bin ich krank? »Ich fahre Taxi.«

Sacht legt sich sein Daumen auf meine Lippen.

Die Gedanken, mich wegzudrehen, ihm eine passende Antwort entgegenzuschleudern, oder nur diesen verdammten, zärtlichen Daumen, der sanft über meine Lippe streicht, wegzuschlagen, erscheinen bloß flüchtig in meinem Bewusstsein.

Ich lasse es einfach geschehen. Ohne die geringste Gegenwehr.

»Sie wollen diesen Job, Getty.«

»Was soll das?« Beim Sprechen spüre ich seine Berührung noch intensiver. »Sie wissen zu wenig von mir, um mir einen derart verantwortungsvollen Posten anzubieten. Immerhin legen Sie Ihr Leben in meine Hände.«

»Dort ist es gut aufgehoben.«

»Sagt Ihnen das Ihre Menschenkenntnis?«

»Ja, doch viel wichtiger ist, was ich Ihnen im Gegenzug für Ihre Dienste anbieten werde.«

»Noch mehr?« Ich nickte zu dem Traum auf vier Rädern. »Dieses Schmuckstück genügt vollkommen.« Der Typ dreht unrund. Die Frage ist, ob auf eine exaltierte oder eine psychopathische Weise. Mit Variante eins käme ich unter Umständen klar.

»Ich verspreche dir, dich niemals zu küssen.« Er sieht mir mit einer Sehnsucht auf den Mund, dass mir ganz anders wird. »Aber nur, wenn du für mich arbeitest.«

»Dann sind wir beim Du angekommen?« Woher weiß er, dass ich mich nicht küssen lasse?

»Ich bin versucht.« Er neigt den Kopf, schluckt. »Du kannst nicht ermessen, wie sehr.«

Ich bin niemals zuvor auf diese Weise angesehen worden. Ich hätte es nicht vergessen. Es nie vergessen können.

»Bleibst du außerhalb meines Wirkungskreises, werden wir einander eines Tages erneut begegnen. Ich werde meine Lippen auf deine pressen, und es gibt nichts, was du dagegen tun könntest.«

»Dich erschießen?« Schwachsinn. Es ist mir rausgerutscht. Zu viel Adrenalin. Die Situation ist krank. Ich komme nicht klar damit. Mir ist heiß, in meinem Schritt pocht es, dass ich Angst habe, er bemerkt es. Wenn er seinen seltsam intensiven Blick an mir hinabschweifen lassen würde, würde er wissen, wie es um mich steht.

Ich werfe ihm den Schlüssel zu. »Auf Wiedersehen, Sir. Und danke für das großzügige Angebot.« Am liebsten würde ich ins Haus rennen und die Tür hinter mir zuschmeißen. Stattdessen gehe ich so gelassen, wie es mir möglich ist, zurück. Kaum fällt die Tür ins Schloss, lehne ich mich dagegen. Mein Herz donnert mir gegen die Rippen. Ich bin ein Idiot. Wie kann ich den Job meines Lebens ablehnen?

Weil mich mein Instinkt warnt. An dem Angebot muss etwas faul sein. Es ist zu verlockend. Zumindest für jemanden wie mich. Hat Teshi einen Narren an mir gefressen? Will er mich einfach nur um sich haben und nutzt den Job als Ausrede? Er hätte mich daten können. Ist ihm wahrscheinlich zu profan.

Sein Blick. Wie er an meinen Lippen haftete. Ich fahre mit der Zunge darüber, bilde mir Teshis Geschmack ein.

Auf der Straße ist es zu still. Kein Motorengeräusch. Weshalb fährt er nicht weg? Sprinte nach oben in die Wohnung, eile zum Wohnzimmerfenster.

Der Jaguar steht immer noch vor dem Haus.

Von Teshi keine Spur.

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