Don't kiss, just driveBis auf Nuri ist der Waschraum leer. Nur einen Schwall Wasser ins Gesicht. Das ist alles, was ich will. Draußen herrscht sengende Hitze, trotz Wind. Allerdings ist der tückisch. Er weht Sand in jede ungeschützte Ritze. Auch in die Augen.
»Zu heiß für dich?« Er nickt zum Fenster und meint offenbar das Gleißen jenseits der Scheibe. Wobei die Luft hier drin ebenfalls steht. 

Er lächelt. In seinen dunklen Augen blitzt der Schalk. »Macht dir der Job als Soldat bei uns Spaß?« Sein Englisch ist holprig aber charmant.

»Er ist notwendig«, antworte ich pflichtschuldig. »Also mache ich ihn.« Im Moment hat das mit Spaß im engeren Sinne nichts zu tun. »Was ist mir dir?« Ich zeige auf die vollen Mülltüten in seinen Händen. »Macht dir dein Job Spaß?« 

Nuri lacht. »Er ist notwendig. Sonst musst du deinen Dreck allein fortschaffen, Sergeant Getty.«

Das ›Sergeant‹ spricht er lustig aus. Ich mag ihn. Schon wegen seiner guten Laune. In einem Land, in dem man morgens nicht weiß, ob das Haus samt der Familie abends noch existiert, wird aufrichtiges Lächeln zu einem Heldenstück. 

Nuri gehört zu den Lokals, die für uns arbeiten und er ist mit Abstand der zutraulichste. Ich werfe ihm eine Packung Kaugummis zu. Der Klassiker der amerikanischen Art, Zutrauen zu Einheimischen zu gewinnen. Dicht gefolgt von Zigaretten, doch Nuri raucht nicht. So viel weiß ich bereits von ihm.

Er fängt das Päckchen, lässt dafür eine der Tüten fallen. Der Müll rollt über den Boden. »Sergeant Getty!«, schimpft er mit gespielter Strenge. »Jetzt muss ich alles wieder aufsammeln.« Statt genau das zu tun, stellt er die zweite Tüte ebenfalls ab. In aller Ruhe packt er einen Streifen aus und schiebt ihn sich in den Mund. Seine blütenweißen Zähne leuchten auf. 

Der Bengel ist eine Augenweide, was ich zu übersehen versuche. Ich hatte ihn mal nach seinem Alter gefragt. Ganz nebenbei. Er wusste es nicht, würde sich jedoch auf achtzehn bis zweiundzwanzig schätzen. Dem Augenschein nach käme das hin, was mich allerdings nicht weiterbringt. Noch gilt die Regel ›Don’t ask, don’t tell‹. Auch wenn sich angeblich von Seiten der Regierung da etwas tut. Nuri ist in jedem Fall tabu. Keine vertraulichen Beziehungen zur Bevölkerung. Egal welcher Art. Für ihn werden dieselben Regeln gelten. Trotzdem bilde ich mir ein, dass er ab und zu mit mir flirtet. 

»Willst du?« Er bietet mir einen Streifen an. »Aber nur, wenn du mir hilfst, den Müll aufzusammeln.« 

Sein Grinsen haut mich um. Kennt der Bengel keinen Respekt? Ich lache und tippe mir an die Stirn. 

Nuri zuckt die Schultern, packt den Kaugummi aus, tritt dicht vor mich.

Sein frischer Minzatem streift über mein Gesicht. 

 So nah standen wir noch nie voreinander. 

»Ist keiner da, der es sieht«, flüstert er und hält mir den Kaugummi vor den Mund. 

Keinen Schimmer, was ich machen soll. Bete, dass wir nicht nur allein sind, sondern auch bleiben. 

»Ich weiß, dass du mich magst. Immer wenn du denkst, dass ich es nicht mitbekomme, siehst du mich auf diese bestimmte Weise an.« 

Gott, ich bin verloren. Hoffentlich ist das niemand sonst aufgefallen.

Nuri steckt sich das eine Ende des Streifens in den Mund, neigt sich so nah zu mir, dass das andere Ende meine Lippen berührt. 

Bevor ich begreife, was hier läuft, beiße ich ab. So viel, dass ich Nuris Lippen dabei berühre. Sein leises Seufzen geht mir wie Öl runter. 

Ein zarter, minziger Kuss. 

Für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen.

»Sag es keinem, hörst du?« Sein Flüstern an meinen Lippen klingt eindeutig nach einem Flehen. »Keiner darf wissen, dass ich so bin wie du.«

»Machst du Scherze?« Mit diesem Geständnis würde ich uns beide ans Messer liefern. »Das hier war das erste und letzte Mal, verstanden?« Das Eis, auf dem wir mitten in der Wüste herumrutschen, ist definitiv zu dünn.

»Verstanden.« Er sieht mich an, mit diesen großen, schwarzen Augen.

Im nächsten Moment packe ich ihn, dränge ihn an die Wand und verschlinge seinen Pfefferminzmund. 

Ich schrecke hoch, spüre meinen polternden Herzschlag. Wo verdammt bin ich? Statt Hitze Kälte, statt Nuris Nähe die Einsamkeit eines Taxis.

Dieser kleine Bastard. Ich bin ihm sauber auf den Leim gegangen.

Kurz vor halb zwei. Ich warte seit eineinhalb Stunden auf den Asiaten. Im Institut brennt nach wie vor Licht. Mir ist kalt, ich sehne mich nach einem Kaffee und nach Nuris verräterischen Lippen. Gott, was konnte der Junge küssen. Hoffentlich ist er lebendig genug, um genau das zu tun. Egal, was er mir eingebrockt hat, ich kann ihn weder hassen noch zum Teufel wünschen. Ich will, dass er lebt,  sämtliche Gliedmaßen sein eigen nennt und eine Möglichkeit gefunden hat, in seiner blutdürstigen Heimat klarzukommen. Meinetwegen auch mit Diebstählen irgendwelcher Funkgeräte.

Ich muss krank sein, so über diesen kleinen Bastard zu denken.

Es schneit nicht mehr. Plötzlich verzehre ich mich nach frischer Luft. Gleichgültig, wie kalt sie ist. Ich steige aus dem Wagen, lehne mich an die Seite, die zum Gebäude zeigt. Für einen Mitternachtstermin dauert es ziemlich lang. Oder hat mich mein Fahrgast versetzt?

Die Eingangstür öffnet sich. Der Asiate tritt ins Licht der Außenlampe, bleibt einen Moment stehen. Er schwankt. Zögernd geht er einige Schritte, hält sich am Treppengeländer fest.

Verdammt, sein Zustand scheint tatsächlich miserabel zu sein. Ich gehe ihm entgegen. Er bemerkt es, wartet, bis ich ihn erreicht habe.

»Danke«, sagt er leise, während ich ihn unterfasse.

»Sir?« Das alles in Ordnung kann ich mir sparen. »Brauchen Sie Hilfe?«

»Nur Ruhe und eine vertraute Umgebung.« Sein Mund verzieht sich zu einem Spottlächeln. »Die Anonymität eines Hotelzimmers ist der perfekte Ort für  …«, stöhnend senkt er die Lider. »Bitte bringen Sie mich zum Taxi.«

»Natürlich.« Was zum Henker fehlt ihm?

Mit der einen Hand stützt er sich bei mir, mit der anderen am Geländer ab.

Wo ist der Aktenkoffer?

Wir erreichen den Wagen, ich öffne die Tür und helfe ihm auf den Beifahrersitz. Seltsam, meistens steigen die Gäste hinten ein oder ich sorge dafür, dass sie es tun. Mein mysteriöser Grauzopf hingegen hat kein Problem damit, neben mir zu sitzen.

Da er den Kopf zur Seite neigt und erneut die Augen schließt, gurte ich ihn an. »Brauchen Sie einen Arzt?«

»Nein, wirklich nicht«, murmelt er. »Lassen Sie sich Zeit. Ich fahre gern mit Ihnen.«

Mein Schmunzeln kommt spontan. Er sieht es nicht, also ist es gleichgültig, was ich für Grimassen ziehe.

Während der Rückfahrt verfällt er wieder in Schweigen. Eventuell ist er auch eingeschlafen. Er scheint vollkommen erledigt zu sein.

Ich parke vor dem Sheraton, öffne ihm die Tür. »Sir?«

Mühsam hebt er die Lider.

Ich biete ihm meinen Arm, den er annimmt. Sicherheitshalber atme ich tief ein.

Nein, nicht die Spur Alkohol in seiner Atemluft.

Bevor wir die Lobby betreten, strafft er seinen Rücken und lässt mich los. »Es ist nicht nötig, dass Sie mich bis zu meinem Zimmer begleiten.« Er entnimmt seiner Manteltasche wie vorhin ein paar Geldscheine. Hundert Dollar. Für eine Fahrt von zehn Minuten. Nun gut, die Wartezeit hat er vermutlich mit eingerechnet. »Holen Sie mich morgen Nacht ab. Halb zwölf.«

»Gern, Sir.« Stopp, verdammt. »Tut mir leid. Ich habe meinen freien Tag.« Wie konnte ich das vergessen?

Er neigt den Kopf, sieht mich auf diese unheimliche Weise an. »Was muss ich tun, um von Ihnen gefahren zu werden?«

»Mich engagieren und hinter das Steuer eines Jaguar XF setzen.« Ich lache über meine eigene Dreistigkeit. »Nein, besser noch ein XJ, der ist eleganter und geräumiger.«

Er nickt, richtet seinen Mantel. »Wir sehen uns morgen, Mr. Getty.« Hochaufgerichtet schreitet er durch die Lobby, grüßt die Dame an der Rezeption und lässt sich von ihr einen dicken, braunen Umschlag aus seinem Postfach geben.

Während er zum Fahrstuhl geht, schweift sein Blick zu mir.

Ich trete einen Schritt von der Glastür zurück. Er braucht nicht mitbekommen, dass ich ihn beobachte.

Er sieht blass aus. Fast kalkig.

Ich frage mich, was das für ein seltsamer Termin war?

Ich kehre zum Wagen zurück, lasse den Motor an.

Wir sehen uns morgen, Mr. Getty.

Ein aufmerksamer Mann, wenn er nicht nur einen Blick auf meine Lizenz geworfen, sondern sich auch meinen Namen gemerkt hat.

Hat er nicht. Meine Lizenz steckt nicht am Armaturenbrett, sondern in meiner Jackentasche.

 

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