»Jemand hat in der Nacht versucht, das Schloss am Vogelgehege aufzubrechen.« Moritz reicht mir gähnend eine Tasse Kaffee. Halb sechs morgens ist für meinen Bruder zu früh. »Sabine hat es mir eben erzählt.«

Unsere Küchenhilfe erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Aber sie kocht einen hervorragenden Kaffee. Ich trinke die ersten Schlucke, obwohl sie mir beinahe den Rachen verbrühen.

»Der Sohn vom Parkwächter ist noch mal mit dem Hund raus und da hat er einen Mann gesehen, der mit einem Stein aufs Vorhängeschloss eingeschlagen hat.«

»Wer war es?« Er genießt meine volle Sympathie. Jakob ist einsam, auf einem Auge blind und uralt. Zumindest für einen Kolkraben. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der er nicht auf seiner Stange hockte.

Vor ein paar Jahren haben sie sein Gehege vergrößert. Um mehr als drei Flügelschläge darin zu fliegen, ist es trotzdem zu klein.

»Keiner weiß es«, plaudert Moritz und schlendert zum Fenster. »Es war zu dunkel und er zu schnell.«

Armer Jakob. So dicht an der Freiheit war er wahrscheinlich noch nie.

»Ist eh eine Schwachsinnsidee.«

»Warum?« Mir kam der Gedanke schon als Kind. Ich hab mich nur nicht getraut.

»Das Vieh kennt doch nichts anderes als seinen Käfig. Das fühlt sich da drin wohl. Immerhin genießt es Vollpension.«

Ab und an landet neben Obst und Grünzeug auch ein totes Kaninchen oder Meerschweinchen aus den Kleintiergehegen bei ihm. Rein kulinarisch betrachtet hat der Rabe ausgesorgt.

»Sieh dir den Typ an.« Moritz späht zwischen den Lamellen des Rollos auf den Hinterhof. »Wie kann man sich bloß mit dieser Miene ertragen?« Er zeigt auf einen Mann, der rauchend am Vorbau des Frühstücksraumes lehnt und düster Löcher in die Luft starrt.

Verblichene Jeans, schwarzes Shirt, dunkle Haare, die offensichtlich ein Problem mit Kämmen haben, dominante Nase, hageres Gesicht, zu dem der irgendwie sensibel wirkende Mund nicht passen will.

Falk Graustein.

Laut Anmeldeformular der Pension zweiunddreißig Jahre.

Er reiste mit nur einer Tasche plus einer Kiste an, obwohl er sich bis zum Frühjahr bei uns eingenistet hat.

Er wäscht seine Klamotten selbst, statt unseren Wäschedienst zu nutzen, fährt jeden Morgen um sieben mit seinem VW-Bus los und kommt nachmittags zurück.

Die letzte Zigarette raucht er weit nach Mitternacht.

Das behauptet zumindest Julia. Meine Schwester ist eine Eule, im Gegensatz zu mir, und hat kein Problem damit, Graustein heimlich zu beobachten.

Vom Küchenfenster aus hat sie einen direkten Blick auf den kleinen Hinterhof, in dem Graustein nachts auf und ab geht. Immer allein.

Zu den anderen Gästen hält er Distanz.

Wie zu uns.

Julia findet ihn auf eine zerrupfte Weise smart und stört sich nicht an seiner Leichenbittermiene.

Betritt er kurz nach sechs den Frühstücksraum, dimmt sich das Licht.

Gleichgültig, wie ich mich ins Zeug lege, der Kerl erstickt jedes freundliche Bemühen meinerseits mit Einwortsätzen im Keim.

Ja.

Nein.

Hm.

Ist alles.

Ein knappes Nicken statt guten Tag, gar nichts statt auf Wiedersehenund zwischendurch finstere Blicke.

Dabei komme ich für gewöhnlich auch mit schwierigen Menschen zurecht.

Einfach durch belangloses Plaudern und ein Lächeln, das ich durchaus ehrlich meine.

Bei Graustein beiße ich damit jedoch auf Granit.

Nachmittags gegen fünf findet er sich im Café ein.

Es gehört zur Pension, ist winzig und steckt zur Hälfte in der Stadtmauer. Mit dem Fachwerkgiebel und den schiefen Wänden wirkt es wie frisch aus dem Mittelalter gebeamt. Die Touristen stehen drauf.

Leider auch Herr Graustein – auf eine eisig-schweigsame Weise.

Er sitzt stets am Fenstertisch. Mit Laptop und Notizbüchern bewaffnet. Er bestellt sich ein Stück Kuchen aus dem Tagesangebot und ein Kännchen Kaffee. Danach versinkt er in Arbeit und taucht erst daraus hervor, wenn ich ihn darauf hinweise, dass das Café schließt.

Wo, wann und ob er zu Abend isst, weiß ich nicht.

Jedenfalls nicht bei uns.

»Mann, der frisst bestimmt kleine Kinder, so wie der aus der Wäsche guckt.« Noch ein bisschen und Moritz’ Nase drückt sich an der Scheibe platt.

»Der ist immer so.« Ausnahmsweise kann ich es heute verstehen.

Gewitterwolken, schon jetzt eine erdrückende Schwüle, Montag.

Den Wenigsten ist unter diesen Umständen nach zwitschern zumute.

Am Himmel braut sich ein erstklassiges Unwetter zusammen. Dabei ist es bereits Mitte September und die Hochsommergewitter sollten längst durch sein.

»Irgendwie ist der unheimlich.« Mein Bruder mutiert zu einer Mittfünfzigerin mit Lockenwicklern und Kittelschürze. Konsequenterweise zieht er das Rollo hinauf und stützt sich mit den Ellbogen auf dem Fensterbrett ab.

Ich bin kurz davor, ihm ein Kissen unterzulegen.

»Wie lang ist der schon da?«

»Knappe zwei Wochen.«

»Hat er gesagt, weshalb?«

Obwohl Moritz in Berlin lebt und uns nur alle Jubeljahre mal besucht, klebt die Neugierde eines Kleinstädters nach wie vor an ihm. Ich verpasse ihm eine Kopfnuss. Was gehen uns die Belange der Übernachtungsgäste an?

Julia versucht täglich, Graustein den einen oder anderen Wurm aus der Nase zu ziehen.

Leider komplett ohne Erfolg.

Ich zwänge mich in die Jeans. Bin heute spät dran. Normalerweise frühstückt keiner der Gäste um sechs. Wegen Graustein muss ich meine Frühschicht in zeitlich unerträgliches Gefilde verschieben.

»Ich muss los.« Hoffentlich hat unsere Küchenhilfe Sabine schon den Kaffee aufgesetzt.

Grinsend wendet sich Moritz zu mir. »Ist der dein Typ?«

»Was?«

»Na, dieser Graustein.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Weil du auf ältere Herren stehst.«

Redet er von Helge? Das war nur ein Versehen. Dem Suff entsprungen und schnell wieder beendet. Keine Männer mehr, die doppelt so alt sind wie ich.

Gut, bei Herrn Graustein kommt das nicht ganz hin.

Ich bin einundzwanzig. Aber auch elf Jahre sind kein Pappenstiel.

Wieso denke ich überhaupt darüber nach?

Bis auf den Mund gefällt mir nichts an ihm.

Ich fahre mir für den letzten Schliff durch die Haare und zeige Moritz auf dem Weg zur Tür einen Vogel. Wenn er Julia gegenüber ein Wort dazu fallen lässt, horcht sie mich so lange aus, bis ich Dinge gestehe, die ich nie getan oder gedacht habe.

Da ist sie ganz große Schwester.

Der kürzeste Weg zur Pension führt an Graustein vorbei.

Er hat den Kopf in den Nacken gelegt, sieht in den bedrohlich dunklen Himmel. Völlig in Gedanken versunken.

Die Grimmigkeit ist verschwunden.

Wenn überhaupt, wirkt sein Blick traurig.

»Guten Morgen«, grüße ich gewohnt freundlich. »Tut mir leid, dass ich spät dran bin. Mein Bruder ist zu Besuch und wir haben uns ein bisschen festgequatscht.« Ist zwar keine Entschuldigung, aber dafür die Wahrheit.

Graustein fährt zusammen, als hätte ich ihn aus dem tiefsten Traum gerissen. »Arne!«

Er hat mich noch nie mit Namen angesprochen. Ich wusste gar nicht, dass er ihn kennt.

Ein verwirrtes Lächeln erhellt sein Gesicht für geschlagene drei Millisekunden.

Die braunen Augen leuchten in einer Wärme, die ich diesem Mann nie zugetraut hätte.

Dann versinkt seine Miene in zum Himmel passende Finsternis.

Für einen winzigen Moment stand ein völlig anderer Mensch vor mir.

Er schnippt die Asche von der Zigarette und sieht mir zu, wie ich ihn anstarre.

Ich rette mich mit einem Lächeln, eile an ihm vorbei und bin froh, als ich die Tür zwischen uns schließen kann.

»Du bist zu spät«, faucht Sabine. Sie platziert den Obstsalat auf dem Frühstücksbuffet, das bereits komplett angerichtet ist. In der Luft liegt ein verlockender Kaffeeduft.

»Tut mir leid.« Ich wiederhole denselben Sermon wie bei Graustein. »Kommt nicht wieder vor.« Ein Luftzug streift mich im Nacken. Herr Graustein steht im Eingang, blickt zu uns herüber.

Sabine schmettert ihm ein guten Morgen entgegen. Er nickt, setzt sich an einen Fensterplatz.

»Der ist komisch«, wispert sie und drückt mir die Kaffeekanne in die Hand. »Los. Dein Gast.«

Das ist er immer. Außer, wenn Julia bedient.

Weiß der Teufel, warum sie an ihm einen Narren gefressen hat.

Obwohl ich zugeben muss, dass Graustein zu den Männern gehört, die mich zumindest nicht kaltlassen. Seine verschlossene Art könnte dazu dienen, ein tragisches Geheimnis zu verbergen oder einfach nur auf Melancholie hindeuten.

Beides reizt mich.

Ich bin Romantiker.

Er hebt die Tasse samt Untertasse hoch und neigt den Kopf. »Kaffee wäre nett.«

Verdammt, der Kerl hat mich zum zweiten Mal beim Starren erwischt. Er muss mich für debil halten.

»Liegt am Wetter«, entschuldige ich meine Dreistigkeit. »Bei Tiefdruck neige ich zu Tagträumen.« Die Ausrede ist dämlicher als alles, was ich je von mir gegeben habe. Ich schenke ihm ein und lächle über das mulmige Schamgefühl in mir hinweg.

»Schöne Träume?« Auch seine Mundwinkel klettern um Haaresbreite nach oben.

Mein Blick klebt an seinen Lippen. Warum wirken sie plötzlich so weich und sinnlich? »Nun ja …« Braune Augen. Ist mir bisher nicht aufgefallen. Ich mag den Farbverlauf ins Graue an den Rändern der Iriden.

Er räuspert sich und stellt lautlos die Tasse ab. »Einen Zehner für deine Gedanken.«

»Besser nicht.« Auf meinen Wangen staut sich Hitze.

»Schade.«

Keine Ahnung, weshalb seine Stimme eher nach Bedauern als nach Spott klingt. Letzteres habe ich definitiv verdient.

»Seien Sie vorsichtig, wenn Sie nachher losfahren.« Irgendwie muss ich ihm beweisen, dass ich zum Denken fähig bin. »Wird ein übles Gewitter geben.«

»Ich bleibe in der Stadt.«

Wieso sieht er mich so seltsam an?

»Aber danke für die Warnung.«

»Keine Ursache.« Ich sollte verschwinden und mich weit entfernt von ihm in der Küche nützlich machen. Der Kerl bringt mich völlig durcheinander.

In den vergangenen Tagen hat er kein Wort mit mir geredet und heute bombardiert er mich mit ganzen Sätzen.

Während ich Sabine beim Kuchenbacken helfe, klammert sich der Gedanke an Graustein immer fester.

Weshalb ist er plötzlich so anders? Warum wirkt er sonst abweisend? Was will er hier und wohin fährt er jeden Tag?

Ich hätte ihn nach all dem fragen sollen, statt ihn anzugaffen.

Als ich um zehn das Buffet abräume, ist er längst verschwunden.

»Zimmerservice!«, ruft mir Sabine hinterher. »Ich muss zum Zahnarzt, deine Schwester hat einen Banktermin und jetzt rate mal, wer übrig bleibt.«

Ich.

Nur drei unserer fünf Zimmer sind belegt. Glück gehabt.

Mit Generalschlüssel und Putzwagen bewaffnet stehe ich kurze Zeit später vor Nummer zwei. Grausteins Zimmer.

Ich klopfe, und als sich nichts regt, schließe ich auf.

Das Bett ist aufgeschlagen, eine Reisetasche steht auf der Kofferablage, auf dem kleinen Tisch liegen Fotos.

Kraniche.

Fast auf jeder Aufnahme.

Unter ihnen ein See, im Hintergrund die bizarre Landschaft des ehemaligen Braunkohleabbaugebietes hier in der Nähe.

Ist jetzt ein Naturschutzgebiet.

Ich habe schon Gäste dort hingefahren.

Wenn sich die Zugvögel in riesigen Schwärmen niederlassen, stockt einem der Atem. Als ob Wolken vom Himmel fallen.

Ein Notizbuch liegt daneben.

Es geht mich nichts an. Ich schlage es dennoch auf.

Graustein schreibt ausholend und mit mehr Schnörkeln, als ich einem Mann wie ihm zugetraut hätte. Eine schöne Schrift.

Hinter Datum und Uhrzeit fügen sich knappe Informationen zum Verhalten der Vögel.

Jeder Tag füllt mindestens drei bis vier Seiten.

Manchmal stehen ein paar Sätze schräg zum Text und wirken wie hingekritzelt. Müller nervt. Hat von Zugvögeln so viel Ahnung wie eine Kuh von Thermik. Brabbelt er mir morgen wieder das Ohr ab, schmeiße ich ihn in den See.

Stelle mir Grausteins finstere Miene dabei vor, die er zweifellos beim Schreiben aufgesetzt hat, und muss grinsen. Wer ist dieser Müller? Ein Kollege?

Freiheit: Zwischen Himmel und unendlicher Leichtigkeit dahingleiten und die Welt nur als vorbeiziehendes Grün und Blau wahrnehmen.

Bis auf die Aufwinde verliert alles an Bedeutung.

Realität? Nicht unter neuntausend Höhenmetern.

Ich frage mich ernsthaft, warum wir Flügellosen uns so wichtig nehmen.

Ich sollte das Buch zuklappen.

Fühle mich, als stöberte ich in seiner Seele.

Die Frau geht mir mit ihrer Neugierde auf die Nerven, steht unter dem Abschnitt von gestern. Aber ihr Kuchen ist eine Offenbarung.

Meint er Julia? Ich sollte ihm stecken, dass die meisten Blechkuchen von mir stammen.

Wenn er lächelt, vergesse ich für einen Moment, dass mir Menschen gleichgültig sind.

Okay. Zu privat.

Was schnüffle ich auch in fremden Sachen?

Fühle mich ertappt, dabei bin ich allein im Zimmer.

Bettenmachen, Bad wischen.

Meint er mich?

Staubsaugen, Praline aufs Kopfkissen legen.

Wer hat ihn gestern außer mir sonst noch angelächelt?

Arbeite mich durch die restlichen Zimmer, kann den Gedanken an Graustein keine Sekunde verdrängen.

Auch nicht die Bilder der anfliegenden Vogelschwärme.

Auch nicht die Sätze am Rand der Notizen.

Völlig neben mir tappe ich ins Café. Ich brauche eine Pause, bevor es heute Nachmittag weitergeht.

»Gehst du noch einmal mit Vivian raus?« Julia stapelt Platten mit Mohn- und Kirschkuchen in die Glasvitrine. »Da braut sich was zusammen, und meine Süße …«

»… tickt beim ersten Donnerschlag ab.« Meine Auszeit versickert im zotteligen Fell von Julias Fußhupe. Das Tier ist übersensibel.

Entweder kläfft es grundlos die Gäste an oder bewacht knurrend, doch völlig sinnfrei eine gammelige Walnuss, die es irgendwann einmal im Garten ausgegraben hat.

»Kannst du das nicht machen?« Ich gehe so oft mit dem Vieh Gassi. »Oder frag Moritz, der darf sich auch mal einbringen.«

»Er ist bei Freunden.« Julia übt ihren Dackelblick an mir. »Nur eine Runde durch den Park. Bitte.«

»Meinetwegen.« Wenn ich Glück habe, trifft der Blitz das hechelnde Nervenbündel.

Ein paar Leckerlis verschwinden zusammen mit einer Schisstüte in meiner Hosentasche.

Schnappe mir Leine und Hund und wage mich ins zukünftige Inferno. Aus der Ferne grollt es bereits.

Trotz Vivians Dauerschnüffeln an jedem Grashalm schaffen wir es in unter zehn Minuten zum Tierpark. Er ist genauso winzig wie das Café, die Pension, die Stadt. Selbst Rollator-Rentner bringen die große Runde um den Teich und an den Rehgehegen entlang in einer halben Stunde hinter sich.

Ich bin der einzige Depp, der sich noch kurz vor der Angst hier herumtreibt.

Danke, Julia. Ganz prima.

Dem schwarzgrünen Himmel nach bin ich gleich klatschnass.

Die Nasenbären fiepen aufgeregt, als ihnen Vivian zu nahe kommt. Sie huschen vom Gitter weg und beobachten uns aus sicherer Entfernung.

Auf dem Weg zu den Hängebauchschweinen wedle ich tausende Gewitterfliegen vor meiner Nase weg.

Vivian zieht an der Leine. Sie will zu Jakob und schlängelt sich und mich zwischen vier dicken Buchenstämmen hindurch.

Nicht, weil sie den Raben mag. Wahrscheinlich nimmt sie ihn aus ihrer Froschperspektive nicht einmal wahr, sondern weil sie dort immer ein Leckerchen bekommt.

Zuerst sie, dann Jakob. Er steht auf Trockenhundefutter.

An guten Tagen krächzt er seinen Namen, bevor er mir die Klümpchen vorsichtig aus den Fingern pickt, an schlechten schafft er es nicht bis aufs oberste Brett seines Käfigs.

Und von woanders lässt er sich nicht füttern. Jedenfalls nicht von mir.

Er hat seinen Stolz.

Ich gehe oft zu ihm.

Ein kleiner Schnack unter Freunden tut ihm gut.

Hat er sich den Schnabel mit Leckereien vollgepackt, legt er den Kopf schräg und guckt schlau. Erst, wenn ich die Lamas hinter mir gelassen habe, entrümpelt er sich und frisst seine Beute brav stückchenweise.

»Hey Jakob!« Ich fische zwei Leckerlis aus der Tasche, werfe das eine Vivian zu. Sie schnappt es und schluckt, ohne zu kauen.

Verfressenes Vieh.

»Alles klar mit dir?«

Offenbar nicht, denn er sieht mit seinem verbliebenen Auge an mir vorbei.

»Ein schöner Name.«

Die Stimme fährt mir sauber durchs Herz. Graustein! Er steht im Schatten der Buchen, zwischen seinen Fingern glimmt eine Zigarette.

Ich bin blind an ihm vorbeigelaufen.

»Die Leute im Ort sagen, dass er über dreißig Jahre alt ist.«

»Kann sein.« Mein Herz poltert immer noch.

»Er steckt da drin, seit seiner Jungvogelzeit.« Graustein kommt langsam auf mich zu, den Blick dabei auf Jakob gerichtet. »Vielleicht ist er nie geflogen.«

»Keine Ahnung.« Armer Jakob.

»Wie muss das für ihn sein, wenn die Krähen über seinen Kopf hinwegschweben, er ihren Rufen antwortet, ihnen aber nicht folgen kann?«

Traurig. Unendlich, furchtbar traurig. Ich habe es schon so oft gehört.

Ein Donnerschlag lässt mich zusammenfahren.

Vivien fiept, rennt los. Dass sie an der Leine hängt, ist ihr egal.

Sie zerrt rückwärts an dem Ding, quetscht ihren Kopf durchs Halsband.

Scheiße!

Wie angestochen flüchtet sie den Weg zurück, den wir eben gekommen sind.

Wie oft will sie die Nummer noch bringen? Julia wird mir die Leine um die Ohren hauen.

Von jetzt auf gleich gießt es wie aus Eimern.

Ein Blitz, keine zwei Sekunden später der nächste Donner. Lauter als der erste.

Ich hasse Gewitter.

Graustein setzt sich auf die Bank unter dem zugegeben dichten Blätterdach. Länger als ein paar Minuten wird es allerdings bei dieser Sintflut nicht durchhalten.

Wie er trotz tosenden Unwetters gelassen auf die Glut seiner Zigarette schaut, hat fast etwas Surreales.

»Warum interessieren Sie sich für Jakob?« Wahrscheinlich, weil er alles Gefiederte mag, wie die vielen Fotos auf seinem Zimmer zeigen. Aber ich will mit ihm reden. Das entspannt mich zwischen Donnerschlägen und Wahnsinnsblitzen. Hoffentlich lässt er sich darauf ein.

»Ich heiße Falk.« Ein minimalistisches Lächeln. Es gilt mir. »Ich duze dich auch, also steht dir dasselbe Recht zu.« Er reicht mir die Hand.

Sie ist warm, drückt angenehm kräftig zu und fühlt sich relativ rau an.

»Ich bin Ornithologe.«

Was hat ein Krebsspezialist mit Vögeln zu tun. Ein Hobby?

Falk hebt eine Braue. »Vogelkundler.«

»Klar.« Gut, dass ich nicht nachgefragt habe.

Er lehnt sich zurück, schaut in den Regen. »Ich beobachte den Zug der Kraniche Richtung Süden und fahre ihnen hinterher. Im Moment rasten sie hier in der Nähe.«

Weiß ich. Ich beiße mir auf die Zunge, fühle mich wie ein elender Schnüffler.

»Wegen des Gewitters habe ich einen Tag Pause eingelegt und stattdessen Jakob besucht.« Die Glut wirft einen sanften Schein auf seine Finger. »Wenn der alte Mann recht hat, den ich gefragt habe, ist er in seinem ganzen Leben nie über den Baumwipfeln gekreist. Statt sich auf den Wind zu werfen, hopst er von Stange zu Stange. Jahraus, jahrein.«

Ich habe noch nie ein dermaßen schwermütiges Lächeln gesehen.

»Etwas, das Flügel besitzt, darf man nicht einsperren.«

»Er käme draußen nicht mehr zurecht.« Vielleicht weiß er nicht einmal mehr, wie man sie richtig benutzt. »Er würde sterben, so alt, wie er ist.«

»Und vorher zum ersten und letzten Mal in seinem Leben fliegen.« Er entlässt den Rauch aus seinem Mund, drückt die Zigarette aus.

Seine Traurigkeit ist ebenso spürbar wie die Elektrizität in der Luft.

Sie umschließt mein Herz, schnürt es zusammen.

Ich habe keine Ahnung, warum ich das mache, doch ich muss ihn berühren.

An der Wange, nur ein wenig.

Hoffentlich trete ich ihm damit nicht zu nah.

Er sieht einfach zu einsam und unglücklich aus.

Nur wegen des eingesperrten Jakob?

Oder ist da noch mehr?

Ich weiß nichts von ihm, außer dass er früh aufsteht, spät ins Bett geht, raucht und dass ihm Menschen gleichgültig sind.

Obwohl es mir im Moment nicht so vorkommt.

Kann nicht beschreiben, wie er mich ansieht. Sein Blick senkt sich mitten in mich hinein.

Seine Finger streicheln über meine Hand.

Er nimmt sie, führt sie zu seinen Lippen.

Ein sachter Kuss. Fast eine Einbildung.

Meine Haut kribbelt, als stünde sie unter Strom.

Der nächste Blitz fährt mir durch Mark und Bein.

Oder ist es Falks Zärtlichkeit?

Seine Liebkosungen erobern meine Handfläche.

Ich sollte sie wegziehen, mich räuspern und mit einer Ausrede verschwinden. Will ich nicht.

Der Moment ist unglaublich.

Intensiv, zart, schwer, federleicht.

Mit jedem sanften Kuss gleite ich tiefer in ihn.

Dicke Tropfen durchnässen mein Shirt, rinnen über Falks Gesicht.

Nehme es kaum wahr.

Falk schiebt zwei Finger in meinen Hosenbund, zieht mich zu sich. Er legt den Kopf in den Nacken, sieht mir in die Augen. Sein Kinn berührt meinen Bauch. Tief inhaliert er meinen Duft. »Sag es, wenn du es nicht willst.«

Mein Herz klopft lauter als das Tosen um uns herum.

»Wir sind allein.«

Himmel, klingt seine Stimme rau.

»Niemand wird es bemerken.«

Ich streichle mit dem Daumen über seinen Mund, bringe keinen Ton heraus.

Sein Blick schürt Wärme in Hitze.

Weckt zu viele Gefühle gleichzeitig.

Weiß nicht, wohin mit mir.

Er fasst mich hart an den Hüften, reibt sein Gesicht an meinem Bauch.

Seine Bartstoppeln kratzen mich.

Mir glühen sämtliche Sicherungen durch.

Fahre ihm durch die Haare, während er mein Shirt hinaufschiebt.

Gierige Küsse, sanfte Bisse um meinen Nabel.

Seine Zunge leckt Regen und Schweiß von mir, hinterlässt ein ziehendes Brennen, das mich stöhnen lässt.

Kann ein Fremder nah sein? Vertraut?

Seine hungrigen Liebkosungen schmelzen sich in meinen Verstand, löschen alle Gedanken.

Unendlich leicht, als hätte nichts eine Bedeutung als nur dieser Augenblick.

»Morgen reise ich ab«, keucht Falk gegen meine nasse Haut. »Ich kann dir nur diesen Moment schenken. Mehr nicht.«

Ich zerre das Shirt von mir, will seinen Hunger auf jedem Zentimeter von mir spüren.

Sein Blick wird glasig. Er zieht mich auf seinen Schoß, verschlingt meine Lippen.

Wurde nie so intensiv geküsst.

Beinahe verzweifelt.

Gebe mich seiner Zunge, seinen Händen, seiner drängenden Leidenschaft hin.

Verliere die Zeit.

Bin bloß ein unendliches Glühen zwischen Regen und Wind.

Nach einer Ewigkeit gibt er meinen Mund frei.

Seine Stirn ruht an meiner, seine Finger streicheln meinen Nacken.

Tauche in den Duft nach Rauch und regennasser Haut ein, spüre sein heftiges Atmen während meiner Atemzüge.

Irgendwann nimmt er meine Hand. »Das Gewitter hat aufgehört.«

Nicht in mir.

»Du solltest deinen Hund suchen.«

»Der ist längst zu Hause.« Ich will das hier nicht beenden. Doch sobald ich aufstehe, werde ich es.

»Danke.« Falk streicht mir die tropfenden Haare aus dem Gesicht. »Aber es ist besser, wenn du jetzt gehst.«

Meine Augen brennen. Kann es mir nicht erklären.

Was bedeutet mir dieser Mann?

Vor ein paar Stunden noch nichts.

»Ich habe die Fotos gesehen.« Ich muss es ihm einfach sagen. »Auch das Buch mit deinen Notizen.«

Seine Lider senken sich.

»Es tut mir leid. Ich habe bei dir sauber gemacht und auf einmal …« … habe ich geschnüffelt.

Fühle mich wie der letzte Mensch.

Falk schlingt die Arme um mich, drückt mich fest an sich. »Es spielt keine Rolle. Ich hatte vergessen, die Sachen wegzuräumen. Ist mir bisher nie passiert.«

Ich spüre sein Lächeln an meiner Wange.

»Wird am Tiefdruckgebiet liegen. Da neige ich zu Tagträumen.«

Muss grinsen, obwohl mir nach Heulen ist.

Seine Notiz galt mir.

Ich weiß es.

Irgendwann lässt er mich los und ich weiß, dass ich aufstehen und gehen soll.

Alles fühlt sich nach Abschied an.

Mein Herz ist zentnerschwer.

Schweigend sieht er mir nach. Konnte mich schon immer auf das Kribbeln im Nacken verlassen.

Nicht zurücksehen, die Fragen verdrängen, die wild auf mich einstürzen.

Julia wischt den Tresen, als ich völlig durchnässt zur Tür hereinstolpere.

»Wo hast du so lange gesteckt?« Ihr Blick bleibt an meinem Oberkörper kleben. »Und wo ist dein Shirt?«

»Im Gewitter verloren.« Zusammen mit meinem Herzen. »Ist Vivian da?«

»Klar.« Sie nickt zum Hundekörbchen, in dem ihre Fußhupe friedlich schlummert.

»Würde gern duschen und mich ein bisschen aufs Ohr hauen.«

»Wirst du krank?« Sie fühlt meine Stirn, während sich ihre runzelt. »Mach keinen Scheiß. Ab morgen sind wir bis zum Ende des Monats ausgebucht.«

»Brauche nur eine Pause.« Ich pflücke ihre Hand von mir, verschwinde in meinem Zimmer. Die nassen Sachen landen in der Ecke, ich auf dem Bett.

Meine Lippen fühlen sich sensibel an.

Auch jede andere Stelle an mir, die Falk liebkost hat.

Vor allem mein Bauch.

Sein stoppeliges Kinn hat Kratzer hinterlassen.

 

»Na, du hast es ja nötig gehabt.« Moritz sitzt auf der Bettkante.

Es riecht nach Kaffee und halb sechs morgens.

»Ich wollte dich ja wecken, aber Julia meinte, du bräuchtest den Schlaf, und hat mich gestern Abend gescheucht.«

»Hat dir nicht geschadet, oder?« Ich nehme ihm die Tasse aus der Hand. Vielleicht spült der Kaffee die seltsam schweren Gefühle in mir weg.

»Rate, was passiert ist.«

»Zu früh. Sag’s mir einfach.«

»Der Rabe ist weg.«

Ich bin sofort hellwach.

»Sabine hat’s erzählt. Sie ist durch den Park und da stand die Käfigtür offen. Von Jakob keine Spur. Dafür vom Schloss. Hat wohl jemand mit einem Bolzenschneider geknackt.«

Falk.

Keine Ahnung, ob er es wirklich war, aber ich wünsche es mir.

Ich will ihn sehen.

Nur kurz, ohne zu reden.

So sehr, dass es in mir zieht.

Er ist nicht auf dem Hof.

Vielleicht sitzt er längst beim ersten Kaffee.

Fürs Bad brauche ich nur Minuten.

Moritz sieht mir kopfschüttelnd nach, als ich aus dem Zimmer stürme.

Der Frühstücksraum ist leer.

Julia balanciert Wurst- und Käseplatten aus der Küche. »Morgen!«

»Wo ist Falk?«

»Bitte?«

»Herr Graustein.«

Sie muss nichts sagen.

Am Brett hängt der Schlüssel zu Zimmer zwei.

»Abgereist«, plaudert sie dennoch. »Schon gestern Abend. Er hat dir was dagelassen.« Sie nickt zum Anmeldetresen. »Der Umschlag.«

Ich reiße ihn auf.

Eine schwarze Feder segelt in meine Hand.

~*~

Die Kurzgeschichte stammt aus der Anthologie „Zusammen finden“, die Jana Walther 2015 herausgebracht hat. Eine wundervolle Zusammenarbeit mit vielen lieben Kolleg*Innen.

 

Wer sich dafür interessiert und noch mehr Geschichten davon lesen möchte, hier die Links zu Amazon und Thalia:

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